Ein Metropolrad in Mülheim in einem Jahr nur 14 Mal bewegt
13.02.2012 | 18:25 Uhr 2012-02-13T18:25:00+0100
Mülheim.Wer den städtischen Radbeauftragten Helmut Voß fragt, ob die aktuellen Ausleihzahlen für das Metropolrad Ruhr das vom Bund geförderte Leihradsystem rechtfertigen, bekommt die Gegenfrage gestellt: „Wann hat Carl Benz das Auto erfunden und wie viele Leute sind im Jahr zwei des Autos mit dem Auto gefahren?“ Nicht die allermeisten.
Was Voß sagen will: Das Metropolrad Ruhr, bislang mit rund 3000 Rädern in neun zusammenhängenden VRR-Städten und in Hamm präsent, braucht noch Zeit, um sich zu etablieren. Auch in Mülheim werden in diesem Jahr weitere Stationen errichtet, an denen Räder entliehen und wieder abgestellt werden können. Es soll einfacher werden, sich einen Drahtesel zu borgen.
Seit Mitte 2010 können die Metropolräder auch in Mülheim entliehen werden. Immerhin verdreifacht haben sich die Nutzerzahlen im Vergleich 2011 zu 2010, doch berauschend sind sie (noch) nicht: Rund 2000 mal wurden im Vorjahr in Mülheim Räder ausgeliehen. Bei einer Zahl von 150 im Stadtgebiet verteilten Rädern bedeutet dies: Im Schnitt wurde jedes Rad nur an weniger als 14 von 365 Tagen bewegt. Trotzdem spricht die Betreiberfirma Nextbike von „einer guten Saison“.
Größere Nachfrage nötig
Klar ist: Das System bedarf größerer Nachfrage, um sich dauerhaft halten zu können. Bis Ende dieses Jahres wird das Projekt noch vom Bund gefördert, danach muss es sich selbst tragen – über die Einnahmen aus der Ausleihe und der Werbung, die Nextbike an den Rädern anbietet.
Im Endausbau, sagt Voß, sollen pro Quadratkilometer zwei Räder zur Verfügung stehen. Das sei nicht sonderlich viel – in der europäischen „Leihrad-Hauptstadt“ Paris seien 195 Räder pro Quadratkilometer zu finden. In Mülheim sollen im Endausbau 33 Entleihstationen mit 200 Rädern zur Verfügung stehen, bisher sind es 24 Stationen und 150 Räder, wobei in den Wintermonaten nur 80 Räder im Umlauf sind.
Inzwischen liegt ein Evaluationsbericht für das Metropolrad Ruhr vor, der dem System als städteübergreifendes Angebot zwar „eine beachtenswerte Leistung“ attestiert, aber Verbesserungen anmahnt. Am Bekanntheitsgrad sei noch deutlich zu arbeiten, die Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr zu stärken und das Angebot insgesamt attraktiver zu machen. Man arbeite daran, weiß Voß, die Anmeldung für das System in allen Kundencentern der öffentlichen Verkehrsbetriebe zu ermöglichen.
Flatrate geplant
Die Preisstruktur (1 Euro pro Stunde, 8 Euro pro Tag, erste halbe Stunde in Kombination mit einem ÖPNV-Ticket frei) soll ergänzt werden durch eine „Flatrate“: Für monatlich 8 Euro soll ein registrierter Kunde das Rad künftig täglich vier Stunden lang nutzen können. Es werde weitere Vergünstigungen zum Saisonstart geben, so Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus. An den Unis soll für eine Aufnahme des Metropolrads ins Leistungsspektrum der Semestertickets geworben werden.
Die Standorte: Alte Straße (8 Räder), Broicher Mitte (7), Broicher Waldweg (6), Dümpten Friedhof (6), Gathestraße (4), Goetheplatz (4), Hauptbahnhof Nord (8), Hauptbahnhof West (10), Heißen Kirche (6), Kaiserplatz (6), Klostermarkt (4), Oppspring (4), Raffelberg (6), Ringlokschuppen/Schloß Broich (8), RWE-Sporthalle (6), Sanddornweg (4), Schloß Broich/Stadthalle (8), Speldorf-Betriebshof (4), Stadtmitte/Leineweberstraße (8), Styrum Bahnhof (6), Von-Bock-Straße (4), Wasserbahnhof (14), Wertgasse (4), Wiesenstraße (6).
Info: www.metropolradruhr.de
In Kürze sollen alle Stationen mit elektronischen Verleihterminals ausgestattet werden. Das soll die Ausleihe für registrierte Nutzer leichter machen: Die ab März bestellbare Kundenkarte oder das VRR-E-Ticket ans Lesegerät des Terminals halten, das gewünschte Radkennzeichen eingeben, den Freischaltcode erhalten und losradeln – ohne telefonische Anmeldung. „Die Umrüstungen beginnen nächste Woche“, so Rauchhaus. In Nürnberg gebe es die Terminals seit Mai 2011, dort verzeichne man seither „einen sehr großen Erfolg“. Man habe die Verleihzahlen dadurch deutlich steigern können.
Bis zu acht neue Stationen in Planung
Mülheims Radbeauftragter Voß kündigt an, im März eine Vorlage für fünf bis acht neue Entleihstationen in die politischen Gremien einzubringen. Im Fokus dabei steht eine Verdichtung in Innenstadtlage, aber auch Standorte bei Siemens, an der provisorischen Container-Hochschule in Styrum und an der Ruhr zwischen Kettwig und Schleuseninsel – etwa an der Hahnenfähre – sind denkbar.
Voß hält es für „realistisch“, dass irgendwann einmal auch das Leihsystem des Metropolrades es schafft, ein Rad täglich zweimal auszuleihen. Er weiß aber: „Da sind wir noch weit von entfernt.“ Dafür müssten die Ausleihzahlen in Mülheim um mehr als das 50-fache steigen.

12:44
In diesen Zeiten muss man ja als Steuerzahler froh sein, wenn deutsche Steuergelder in Deutschland für Projekte wie das Metropolrad Ruhr verschwendet werden und nicht in irgendwelchen obskuren Rettungsfonds versanden. Trotzdem hätte man mit den 4. Mio € die dieses Projekt gekostet haben sicherlich etwas Sinnvolleres anfangen können.
15:33
Das ist mal wieder typisch MH. Leihfahrräder für die Metropole an der Ruhr, Paris ist da schon ein Vergleich. Zumal Paris die selbe Topographie wie BIG MH hat. Und logischerweise müssen noch mehr Stationen und noch mehr Räder her. Mehr Räder = mehr Ausleihen. Und mit allem Schickimicki. Irgenwie muss man die Leutchen doch auf son Teil drauf kriegen... kann man die nicht zwingen, irgendwie???
Wahrnehmungsstörungen und Realitätsverlust, so wird man dann wohl auch Fahrradbeauftragter.
13:10
Ich nutze das System regelmäßig und empfinde als Nutzer die Situation ganz anders als hier geschildert.
Am meisten wundert mich der Zustand vieler Räder angesichts der geringen Ausleihzahlen. Viele Räder sind im Laufe der Zeit kaputt gegangen (wohl durch Gebrauch, nicht durch Vandalismus), aber sie werden nicht repariert. Nicht mal dann, wenn man sich die Mühe macht per Mail darauf hinzuweisen. Selbst offensichtliche Mängel wie eine abgebrochene Klingel sieht man an den Rädern über Wochen unverändert, von Licht und Gangschaltung mal ganz zu schweigen. Mehr als einmal bin ich in der einbrechenden Dunkelheit von defektem Licht überrascht worden. Ich mußte sogar schon auf Ausleihen verzichten, weil ich von allen Rädern einer Station wußte, daß sie defekt waren.
Wenn man die Hemmschwelle herabsetzen will, wird man auch mal Werbeaktionen machen und aktiv auf Leute zugehen müssen. Wenn man sich erstmal angemeldet hat, ist die Radausleihe nicht so schwierig. Nur der Telefoncomputer funktioniert oft nicht einwandfrei.
Die Innenstadtdichte bei den Radstationen empfand ich bisher eher als Nachteil. Die Stationen waren z.T. in Sichtweite zueinander aufgebaut, eine Fahrt von A nach B damit unmöglich. Man konnte nur Kreise ziehen, aber wer will schon in der Innenstadt im Kreis fahren. Ich vermisse eher Radstationen in der Nähe von Waldgebieten, um da in der Freizeit zu fahren.
Die Flatrate klingt vielversprechend, da muß man mal die Ausgestaltung abwarten.
Das sich das Projekt mal selbst trägt, halte ich aber für unrealistisch. Viele Leute besitzen bereits ein Rad, andere fahren nicht mit einem, selbst wenn man ihnen Geld zahlen würde. Der Kreis der Gelegenheitsfahrer wird begrenzt sein. Und Werbung wird bisher nahezu nie geschaltet, obwohl die Räder weithin sichtbar sind. Wie das ohne Zuschüsse auskommen soll, ist mir schleierhaft. So ein Projekt macht man für die Volksgesundheit, um Leute wieder fürs Radfahren zu begeistern, die das lange nicht gemacht haben oder zur Verkehrsentlastung. Nicht um Geld zu verdienen.