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Ein Herz für Nerz

09.03.2016 | 09:00 Uhr
Ein Herz für Nerz
Ware für den nächsten Winter präsentiert der Kürschnermeister im Schaufenster seiner Pelzboutique an der Wallstraße in Mülheim.Foto: Oliver Müller

Mülheim.  Peter Jaquét ist Kürschnermeister mit fast 50-jähriger Berufserfahrung. Er führt das einzige verbliebene Pelzgeschäft in Mülheim.

Die Pelzboutique an der Wallstraße, unglamourös gelegen, ist die letzte ihrer Art in Mülheim. Geführt wird sie von Peter Jaquét, dem einzigen Kürschnermeister, der in der Stadt noch praktiziert. „Es ist keine Goldgrube“, sagt der 65-Jährige. „aber ich mache meine Arbeit gerne. So lange ich es gesundheitlich noch kann...“

Sein Vater eröffnete das Geschäft 1962, zunächst an der Heißener Straße, wenige Jahre später ging der Sohn in die Lehre – bei einem Konkurrenten, die es damals noch gab. Zwischenzeitlich arbeitete Peter Jaquét auch in einem international gefragten Pelzhaus in Zürich. Der Mülheimer Laden zog derweil an die Pastor-Jakobs-Straße, vor mehr als drei Jahrzehnten dann an die heutige Stelle.

Im Schaufenster wie im Verkaufsraum präsentiert der Kürschner ein bunt gemischtes Sortiment mit Einzelstücken aus eigener Fertigung. Vom Kaninchencape für den abendlichen Auftritt bis zum Muff für den Schneespaziergang, vom pink eingefärbten Fuchsbommel für die Handtasche (65 Euro) bis hin zum teuersten Teil in der Boutique: einem kanadischen Zobelmantel, der mehr als 20 000 Euro kostet.

Was er dagegen kaum führt, ist Männermode: „Pelzmäntel für Herren finde ich zu feminin“, meint der Fachmann. „Aber Kapuzenkanten oder Fell nach innen gehen gut.“ Wer mag, kann bei ihm für etwas mehr als 4000 Euro einen klassisch geschnittenen Cashmeremantel erstehen, dessen Innenseite ausgekleidet ist mit gezüchtetem Wieselpelz.

„Ich habe einen festen Kundenstamm“, sagt der Kürschnermeister mit fast fünfzigjähriger Berufserfahrung. Manchmal würden Modelle nach Fotos aus Modemagazinen bei ihm bestellt. Doch die goldenen Zeiten der Branche sind lange vorbei. Einen Großteil seiner Arbeitszeit widmet der Handwerksmeister älterer Ware, die Kundinnen ihm anvertrauen. Er ändert, nimmt Pelze zur Aufbewahrung und Pflege oder repariert. Den Mittelpunkt seiner Ein-Mann-Werkstatt bildet ein ausladender „Zwecktisch“, auf dem die Stücke mit Metallklammern festgesteckt werden. Einer abgetragenen Nerzjacke, in der Risse klaffen, setzt er farblich passende Stücke ein. Auch der Blaufuchsmantel einer Dame, die „an Größe zugelegt hat“, wartet noch auf Erweiterung.

Der Kürschner verfügt über ein vielfältiges Ersatzteillager, welches auch von Kundinnen gespeist wird, die ausrangierte Mäntel in Zahlung geben. Auch solche, die nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen nicht mehr verkauft werden dürfen. Jaquét sagt: „Tierschutz ist ja auch wichtig“ und nennt Beispiele: „gefleckte Ware“ (Raubkatzen), Otter, Ozelot. Der Kürschner braucht sie als Fundus für Reparaturen.

Wer einen alten Pelz versilbern möchte, ist bei ihm nicht richtig. „Der Marktpreis für gebrauchte Sachen ist im Keller.“ Ein Fall für Ebay, nicht für die Pelzboutique.

Seit den achtziger Jahren keine Azubis mehr

Am 11. September 1972, dies dokumentiert die gerahmte Urkunde in seinen Geschäftsräumen, legte Peter Jaquét die Meisterprüfung ab. Dass er Wissen und Fertigkeiten an den Kürschner-Nachwuchs weitergeben konnte, ist allerdings lange passé. Etwa zehn junge Leute habe er im Laufe der Zeit ausgebildet, erklärt Jaquét, „meinen letzten Azubi hatte ich Ende der achtziger Jahre.“

Auch eine eigene Kürschner-Innung gibt es in Mülheim längst nicht mehr. Peter Jaquét gehört statt dessen als stellvertretender Obermeister – und zugleich als einziger Vertreter seines Fachs – der Innung des modeschaffenden Handwerks mit Sitz in Duisburg an. Auch Schneiderinnen, Schneider, Hut- und Schuhmacher sind dabei.

Eine Kürschner-Innung besteht derweil noch in der Modestadt Düsseldorf, aber auch sie ist auf nur noch vier Mitglieder geschrumpft. „Das Image von Pelzen ist strittig“, räumt der dortige Obermeister ein.

Demos vor dem Laden, Spucke an der Scheibe

Auch Peter Jaquét kennt selbstverständlich die Argumente der Kritiker, die Pelzproduktion als Tierquälerei ablehnen und in früheren Jahrzehnten auch schon mal vor seinem Laden demonstrierten. „Dass die Schaufensterscheibe bespuckt ist, passiert immer wieder.“

Seine persönliche Einstellung zum veredelten Fell hat dies wenig beeinflusst. Mit Blick auf den Naturschutz, ganz generell gesprochen, meint der Kürschnermeister: „Synthetik ist für die Umwelt doch viel schlechter als Pelz.“

Annette Lehmann

Kommentare
10.03.2016
11:31
Kein Herz für Kürschner
von Elly82 | #3

Da kann man ja nur mit dem Kopf schütteln! Also das es solche "Menschen" gibt, die bar jeder Vernunft, jedes Argumentes und jeglicher Menschlichkeit...
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http://www.derwesten.de/staedte/muelheim/ein-herz-fuer-nerz-id11634356.html
2016-03-09 09:00
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