Ein Glücksfall für die Stadt

Ab Frühjahr 2012 wurden die Container in Styrum bezogen.
Ab Frühjahr 2012 wurden die Container in Styrum bezogen.
Foto: Christoph Wojtyczka / WAZ FotoPo
Was wir bereits wissen
In einem beispielhaften Schulterschluss verfolgten Politik, Verwaltung und Wirtschaft die Bewerbung um einen Hochschulstandort. Das Engagement der Wirtschaft beeindruckte die Jury. Ein Rückblick.

Mülheim.. Wenn Ministerpräsidenten Unternehmen besichtigen, sind in der Regel nicht mehr als Freundlichkeiten zu erwarten. Als Jürgen Rüttgers am 8. August 2007 Siemens besuchte, war es anders, denn er brachte seine Idee ins Spiel, den drohenden Fachkräftemangel durch die Neugründung von ingenieurwissenschaftlichen Fachhochschulen zu begegnen. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld brachte sogleich Mülheim als möglichen Standort ein – eine Spontanbekundung, die wenig später noch durch Briefe des CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Schmidt und Heinz Lison, dem Sprecher der Mülheimer Wirtschaft, an den Regierungschef der CDU untermauert wurden.

Achteinhalb Jahre später ist dies nun Realität geworden. Die Rahmenbedingungen waren damals allerdings völlig andere. Siemens befand sich auf Expansionskurs und suchte händeringend 200 Ingenieure. Auch Klein- und Mittelständler suchten vergeblich Fachleute auf dem leer gefegten Arbeitsmarkt.

Diese Ankündigung war auch Anlass für einen einmaligen politischen und gesellschaftlichen Schulterschluss in der Stadt, an den Mühlenfeld vor zwei Jahren bei der Bewerbung um die Sparkassenakademie letztlich vergeblich noch einmal anzuknüpfen versuchte. Damals wirkte die Idee geradezu elektrisierend, denn alle erhofften sich von der Hochschule auch einen lebensrettenden Impuls für die Innenstadt im Niedergang - auch wenn die Effekte in der Euphorie überschätzt wurden.

Einstimmiger Beschluss für die Bewerbung

Schon zwei Wochen nach der Rede trafen sich bei einer informellen Runde Mitglieder aller im Rat vertretenen Parteien und der Wirtschaft und beschlossen im Falle einer Ausschreibung eine Bewerbung. Der dazu nötige Ratsbeschluss wurde am 20 September 2007 gefasst. Federführend sollte die Wirtschaftsförderung sein, ebenfalls im Boot waren die IHK, die Unternehmerverbandsgruppe und als Dienstleister das Centrum für Hochschulentwicklung. Tatsächlich startete der Wettbewerb erst am 28. Mai 2008. Zwei der drei neuen Hochschulen mit jeweils 2500 Studienplätze sollten im Ruhrgebiet angesiedelt sein.

Um die 40 Kommunen signalisierten zunächst Interesse, tatsächlich gaben aber nur zwölf ihre Bewerbung ab. Mülheim profitierte bei der Entscheidung auch von Fehlern anderer. Oberhausen, wo sich seit Jahren eine Hochschulgesellschaft um eine Ansiedlung bemüht, setzte zunächst auf einen Gesundheitscampus und damit auf das falsche Pferd. Gelsenkirchen hoffte auf die Erweiterung des bestehenden Standortes. Das war ein Glücksfall, denn so konnte Bottrop als Partner gewonnen werden, als in der Ausschreibung die Bevorzugung von Kohlerückzugsstädten betont wurde. „Die Kooperation hat ausgezeichnet funktioniert“, so Heinz Lison rückblickend.

In einer Sondersitzung beschloss der Rat am 30. Juli 2008 die Bewerbung mit einem einstimmigen Beschluss. Ziel war eine „vernetzte, internationale und unternehmerische Hochschule mit offenen Strukturen, Ambiente und Flair“. Auch architektonisch wollte Mülheim punkten und gab, wie Wirtschaftsförderer Jürgen Schnitzmeier betonte, „das beste Grundstück der Stadt“ , ein Teil der Ruhrpromenade.

30.000 Unternehmen wurden angeschrieben

Damals gingen Politik und Verwaltung noch davon aus, das mit dem Bau 2010 begonnen werden könne und der Doppel-Abiturjahrgang im Sommer 2013 dort mit dem Studium starten könnte.

Die Bewerbung (Kostenpunkt laut Ratsvorlage 100.000 Euro) umfasste über 100 Seiten, beinhaltete viele Prognosen und Statistiken. Was aber besonders schwer wog, waren die Verpflichtungserklärungen der Wirtschaft. „Wir haben es immer so dargestellt, als ob die Wirtschaft selbst den Antrag stellt“, erinnert sich Lison. Auch bei der Abschlusspräsentation überließen es schließlich die Oberbürgermeister beider Städte der Wirtschaft, die Konzeption zu präsentieren. „Das hat der Jury imponiert“, hat Lison später erfahren, denn dieses massive Engagement der Wirtschaft wirkte authentisch.

Zuvor waren in der Region 30.000 Unternehmen angeschrieben worden. Wochen lang warb Lison beharrlich am Telefon, um Vertreter der Wirtschaft davon zu überzeugen, die Bewerbung mit Absichtserklärungen zu untermauern. Sie verpflichteten sich zur Bereitstellung von fünf Stiftungsprofessuren über fünf Jahre, schon das sind Millionenbeträge, und die Einrichtung von über 220 dualen Studiengängen (Ausbildung und Lehre). Am Freitag, 31. Oktober 2008, um 15.15 Uhr fielen bei der Präsentation schließlich die Würfel.

Die Ruhrpromenade war zu klein für die Hochschule

Kaum hatte Mülheim den Zuschlag für die neue Hochschule erhalten, war die große Einigkeit der Politik schon gefährdet und die Hochschule drohte zur Kontroverse im Wahlkampf zu werden. Der Standort Ruhrpromenade war schon bei der Ratsentscheidung strittig. 14 Ratsvertreter (FDP, Grüne und MBI) hatten dagegen gestimmt.

Die Debatte um den Standort war aber aus zwei Gründen durch den Hochschulpräsidenten Eberhard Menzel selbst in Gang gesetzt worden. Zum einen hatte er festgesellt, dass die elektromagnetischen Felder durch die Straßenbahn die feinen Messgeräte in den Laboren der Mess- und Sensortechnik beeinflussen könnten - die Vibrationen stellten zwar auch ein Problem dar, aber das ließe sich baulich lösen. Gravierender noch: das Gelände, mit dem sich die Stadt geworben hatte, entpuppte sich als zu klein. So war die Stadt von 2500 Studenten, nicht aber von Studienplätzen in dieser Größenordnung ausgegangen.

Beim Hochschulbau rechnet man aber mit einem Schlüssel von 1,75 Studenten auf einen Platz. Wie deutlich die Unterschiede sind, zeigt schon ein Größenvergleich: Im abgegebenen Angebot wurde von 37.827 Quadratmetern ausgegangen, der Campus an der Duisburger Straße hat nun eine Größe von 62.500 Quadratmeter. Das überschattete auch von Beginn an das Verhältnis zu Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, die ihr Stadtentwicklungsprojekt Ruhrbania vollenden wollte. Menzel ging es dagegen um optimale Lehr- und Lernbedingungen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er ein beachtliches Arbeitspensum absolviert.

Duisburger Straße wurde kaum favorisiert

Am 2. Februar 2009 hatte Forschungsminister Andreas Pinkwart Menzel mit Helmut Köstermenke als Kanzler im Haus der Wirtschaft in ihr Amt eingeführt, wo sie im Keller auch ein erstes Büro beziehen konnten und mit förmlich nichts an die Hochschulplanung machen konnte. Am Flughafen bezogen sie bald ein angemesseneres Büro und stellten Personal ein, denn im Herbst sollten schon die ersten Studenten kommen – knapp 40 an beiden Standorten.

Alle, Lernende wie Lehrende, kamen mit einem besonderen Pioniergeist. Sie wurden von Pinkwart im Siemens-Rundturm begrüßt. Fortan waren eine ganze Reihe von Flächen für den Übergang und als endgültiger Campus im Gespräch: Das Agiplan-Gebäude, der Kaufhof und das Lindgens-Gelände am Kassenberg, das bei der Hochschulleitung, aber auch bei der CDU als endgültiger Standort bevorzugt wurde. Die Befürworter der Ruhrpromenade brachten ebenso unterschiedliche Ergänzungen ins Spiel und favorisierten schließlich den Brückenschlag zur Drahtseilerei Kocks.

Der Standort Duisburger Straße wurde kaum favorisiert, erhielt aber dann von Düsseldorf den Zuschlag. Geplant wurde in einem zweistufigen Wettbewerbsverfahren, das als teilöffentlicher Workshop in der Stadthalle im Frühjahr 2010 abgewickelt wurde. Der Siegerentwurf stammte aus dem Büro Pablo Molestrina. Es schloss sich der Architekturwettbewerb an, den das Düsseldorfer Büro Hentrich-Petschnigg & Partner mit Astoc gewann. Für die Detailplanung wurde ein Jahr vorgesehen, so dass der Baubeginn erst im Juli 2012 war.

Einige halten den Standort für eine „historische Fehlentscheidung“. Lison, der den Schwung von der Bewerbung in den Förderverein mitgenommen hat, sieht dagegen ideale Bedingungen und beste Voraussetzungen für die Forschung. „Wir haben hier die modernste Hochschule in der Region“, freut er sich. Der 113 Mitglieder zählende Förderverein hat 300.000 Euro für die Hochschule mobilisiert - unabhängig von den Stiftungsprofessuren. Die vierte startet im Herbst mit dem Studiengang E-Commerce.