Ein Festival auf der Höhe der Zeit

40 ist ja kein Alter. Man ist in den besten Jahren, steht mitten im Leben. Auch die alte Bundesrepublik hat das schiefe Jubiläum gefeiert und ein paar Monate später hat es sie schon nicht mehr gegeben. Männer befinden sich in diesem Alter in der Midlife-Crisis. In eine solche Krise wird das Stücke-Festival, das am Samstag eröffnet wurde, so schnell nicht geraten, wie der Staatssekretär im Kulturministerium Bernd Neuendorf bei seiner Begrüßung feststellte. Die Beschäftigung mit der Gegenwartsdramatik lasse das gar nicht zu, dass das Festival in die Jahre gerate.

Es sind aber auch entscheidende Weichenstellungen aus der Vergangenheit, die dafür sorgen, dass das Festival, das im zweiten Jahr von Stephanie Steinberg geleitet wird, jung bleibt. Neuendorf nannte die Übersetzerwerkstatt, an der in diesem Jahr wieder zehn Profis, unter anderem aus Argentinien, Taiwan und Indien, teilnehmen sowie die Kinderstücke, die in die sechste Runde gehen. Sie stecken noch in den Kinderschuhen, nominiert wurde mit Sybille Berg aber auch eine Autorin, die ansonsten für Erwachsene schreibt. Wie bedeutend das Land dieses Kindertheater-Festival hält, kann man neben Worten auch an Taten ablesen. Dem Sieger ist neben dem Preisgeld ein Stückauftrag sicher - für junge Autoren bedeutet so etwas auch oft die Sicherung der Existenz für die nächsten Monate. Er gratulierte der Stadt für die „Standhaftigkeit und die Treue zum Festival“, was nicht immer einfach war.

Dass das Festival nicht unumstritten war, ließ Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld durchblicken und erinnerte daran, dass der erste Preisträger, Franz-Xaver Kroetz, damals noch bekennendes DKP-Mitglied war. Der langjährige Festival-Leiter, Udo Balzer, schildert in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe von Theater heute den damaligen Konflikt ausführlich. Zwei Frauen, die damals in der Kulturpolitik eine wichtige Rolle spielten und bei der Eröffnung zugegen waren, werden die Konflikte auch vor Augen gehabt haben: Eleonore Güllenstern (SPD) und Renate Sommer (CDU).

Mühlenfeld hat damals auch Begeisterung erlebt. Als Referendarin in Hattingen hatte sie, wie sie erzählt, erlebt, wie im Kollegium durchaus mit Neid die Entscheidung für Mülheim als Festivalstandort aufgenommen wurde, und ihre Kollegen gerne dort hin fuhren. Auch später, als sie Deutschlehrerin in Bochum arbeitete, seien ihre Kollegen immer wieder mit den Schülern zu den Stücken gefahren, weil es auch ein Ort für hitzige Debatten war. Dass das Publikumsgespräch, das zum ersten Mal von Christoph Leibold geleitet wurde, immer noch ein Ort der lebhaften und auch der kontroversen Auseinandersetzung ist, zeigte sich ein paar Stunden später wieder im voll besetzten Kammermusiksaal nach dem Eröffnungsstück „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz .
Im Foyer hat die Bühnenbildnerin Cordula Körber die Stücke auf den Kern Reduziert: Den Buchstaben.