Ehe hält schon 74 Jahre
28.07.2010 | 18:22 Uhr 2010-07-28T18:22:00+0200
1935 war es, als Ilse zur Mühlen mit einer Freundin eine „Fahrt ins Blaue“ antrat und sich im überfüllten Zug einfach auf den nächstbesten freien Platz setzte. Und das, obwohl Hüte in der Ablage darüber diese deutlich als bereits besetzt markierten.
„Ich war früher ein wenig frech“, erinnert sie sich lächelnd. Prompt kommt von rechts ein Einwand: „Sie ist auch heute noch frech“, sagt Erich Hower, ehemaliger Hutträger, augenzwinkernd. Nach sieben gemeinsamen Jahrzehnten darf er das wohl sagen: Erich und Ilse Hower feiern am heutigen Donnerstag ihren 74. Hochzeitstag; und erst am Montag wurde Herr Hower 99 Jahre alt.
Was die meisten nur aus Geschichtsbüchern kennen, Erich und Ilse Hower haben es erlebt: gesellschaftliche Veränderungen, technologische Fortschritte, politischen Wandel. „Als ich in die Schule kam, hat noch der Kaiser regiert“, sagt Erich Hower und dass er dessen Bart so toll fand. „Mein Vater hatte auch so einen. Ich hab immer gesagt: Du siehst aus wie der Kaiser.“ Immerhin war sein Vater Berufssoldat. Viel reisen musste die Familie deshalb, geboren wurde Klein-Erich deshalb am 26. Juli 1911 in Trier und eingeschult in Koblenz. Großgeworden ist er allerdings in Hamborn – nicht in Duisburg, denn damals war der heutige Stadtteil noch eigenständig.
Seine spätere Frau Ilse wuchs hingegen in Großenbaum auf. Auf dem Weg ins Blaue hielt der Zug übrigens erst in Hamborn und dann in Großenbaum, weshalb Erich Hower und sein Freund auch noch einen Platz ergatterten. Doch als er zurück in sein Abteil kam und das Mädchen auf seinem Sitz sah, nahm er es leicht. „Er hat gesagt: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen“, erzählt die 96-Jährige.
Und so trennten sie sich auch nie wieder. Die Zugfahrt verbrachten sie tanzend und plaudernd, und als es Zeit wurde, heimzugehen, erinnert sich Ilse Hower, fragte er: „Ob er sich erlauben dürfte, mich einmal anzurufen. Meine Eltern hatten da schon Telefon.“ Das war am 15. September 1935, und bereits am 1. Dezember waren sie verlobt. „Wenn man meint, einen Schnapper gefunden zu haben, darf man ihn nicht mehr loslassen“, findet Erich Hower.
Vielleicht auch deshalb verbrachten beide in den vergangenen 74 Jahren kaum Zeit getrennt. Auch als Erich Hower während des Zweiten Weltkriegs eingezogen wurde, begleitete ihn seine Frau. Als Läufer transportierte er Informationen und saß im Vorzimmer des Kompaniechefs. „Ich habe Urlaubsscheine abgestempelt und durfte auch geheime Berichte lesen, dabei war ich ein ganz normaler Soldat.“ Aber ein normaler Soldat, dessen Frau zuerst im Nachbardorf und später mit auf dem Kasernengelände wohnte. „Heute schaut man schon zurück und fragt sich, wie das alles möglich war“, räumt Hower, der später Direktor der IKK Duisburg war, ein.
Heute lebt das Ehepaar in Mülheim. Näher an ihrem Sohn sind sie so, der hier wohnt und Kinderarzt ist. Und natürlich kommt die Familie, die drei Enkel und fünf Urenkel, vorbei. Auch Freunde haben sich angekündigt, um den Ehrentag der beiden zu feiern – so wie sie es bereits am Montag taten.

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