durch-LESEN

Sie ist eine Professionelle: Juliane Kraus bietet Schreibworkshops an (selbstredend auch am Welttag des Buches), arbeitet als Lektorin und als Übersetzerin. Ist das nicht anstrengend? Ganz und gar nicht. Das Lesen fremder Texte bereitet ihr großen Spaß. Sie ist davon überzeugt, dass es die Qualität eines Textes steigert, je häufiger man ihn durchgeht. Bedauerlich sei es, wenn dies aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht möglich sei. Grauenvoll findet sie nur, wenn sie den Text eines Unternehmens nur auf die Rechtschreibung überprüfen soll und ihr signalisiert wird, dass der Text schon abgesegnet sei. „Dann juckt es mich manchmal in den Fingern, wenn ich auf schrecklich formulierte Sätze stoße, die man mit einigen Eingriffen und Umstellungen verbessern könnte“, erzählt die 55-Jährige, die freiberuflich arbeitet und früher für den Rowohlt-Verlag tätig war und dort unter anderem bei Wunderlich eine Krimi-Sparte mit französischen Titeln verantwortete. Es gibt viele Dinge, auf die sie beim Lesen achtet. Sie nennt unter anderem den Aufbau, logische Fehler, den Stil, die Erzählperspektive. Alles, was ihr auffällt, merkt sie an. Hat sie den Auftrag für ein ausführliches Lektorat, greift sie immer dann sanft in den Text ein, wenn sie spürt, dass der Lesefluss unterbrochen wird. Wichtig dabei sei allerdings stets, dass sie sich selbst zurücknimmt und mit den Augen des Autors den Text betrachtet. Eine besondere Gratwanderung ist es beim Lektorieren von Übersetzungen. Die sind immer zeitgebunden, wie man gerade bei Shakespeare sehen kann.

Ihre Leseempfehlung: Gerhard Seyfried: Herero. Der 67-Jährige ist eigentlich als Karikaturist bekannt, hat aber 2003 nach langer Recherche diesen 600-seitigen Band über die deutsche Kolonialzeit geschrieben.