Dilber schwimmt sich frei

Dilber Ali ist angekommen. Sie steht auf dem Deck der „Ruhrperle“. Das Partyschiff hat am Wasserbahnhof angelegt. In Feierstimmung ist die junge Frau aber ganz und gar nicht. Denn das Schiff weckt bei ihr Erinnerungen an ihre Flucht aus Syrien. Vor drei Jahren ist sie mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und drei Brüdern nach Deutschland gekommen. Einen Teil ihrer Flucht haben sie auf Schiffen zurückgelegt. Über die genauen Umstände spricht Dilber nur sehr ungern. „Ich will vergessen. Es war sehr schlimm. Aber ich schaue jetzt in die Zukunft. Nicht mehr in die Vergangenheit“, sagt sie in schon ziemlich flüssigem Deutsch. Um so größer war nun für sie die Überwindung, die „Ruhrperle“ zu betreten.

Dass sie trotz dieser Belastung diesen Schritt gewagt hat, hängt damit zusammen, dass sie nicht alleine ist: Andrea Happ-Jehles begleitet Dilba nicht nur auf das Schiff. Sie steht der jungen Frau und ihrer Familie schon seit vielen Monaten auf ihrem Weg in die deutsche Gesellschaft zur Seite. Happ-Jehles ist Heilpädagogin und arbeitet beim Gesundheitsamt der Stadt. Schon seit längerer Zeit engagiert sie sich ehrenamtlich für Flüchtlingsfamilien. So lernte sie auch die Alis kennen. Der Kontakt wurde immer enger. Eines Tages wurden Möbel gebraucht. Ihr Mann startete bei Facebook einen Aufruf. Der Rest ist Geschichte. Denn ihr Mann ist Reinhard Jehles, und aus dem Aufruf entstand die Hilfsinitiative „Willkommen in Mülheim“. Von Anfang an haben Dilber und ihre Familie bei den Aktionen von WiM mitgeholfen. Der Kontakt zur Familie Jehles wurde immer enger, freundschaftlich.

Und dann steht plötzlich ein neuer Programmpunkt auf dem Plan: Eine gemeinsame Rundfahrt auf der Ruhr. Flüchtlingsfamilien und Einheimische erden gemeinsam unterwegs sein. Eine tolle Idee. Schnell sagen Sponsoren Unterstützung zu. Ein Schiff wird gefunden, die Vorbereitungen gehen zügig voran. Nur bei Dilber will keine rechte Freude aufkommen. Schließlich sagt sie es: „Ich will nicht auf das Schiff.“ Schnell wird klar: Sie ist nicht die Einzige, die durch ihre Flucht auf dem Wasser traumatisiert wurde. Nur die meisten sagen es nicht und werden vielleicht einfach nicht mitfahren. Oder sie beißen die Zähne zusammen und steigen trotz Angst auf das Schiff. Eine typische Reaktion vor allem vieler Männer, denen es peinlich wäre, von ihren Problemen zu sprechen. Dass Dilber Ali sich für einen anderen Weg entscheidet, sich ihrer Angst stellt und sie schließlich überwindet, hängt damit zusammen, dass Andrea Happ-Jehles nicht locker gelassen hat. Dabei war immer klar: Die 58-Jährige wird die 29-Jährige bei jedem Schritt begleiten. „Zuerst sind wir mit dem Auto die Ruhr entlang gefahren. Damit Dilber die Landschaft kennenlernt. Diese Seite Mülheims und der Region war ihr ja unbekannt.“ Und Dilber Ali bestätigt: „Es ist sehr schön hier.“ Da sei auch ihr Wunsch größer geworden, die Natur auch vom Schiff aus genießen zu können.

Und dann ging es an Bord. „Es war für Dilber wichtig, dass sie mit eigenen Augen alles sehen und mit den eigenen Händen anfassen konnte“, erläutert Happ-Jehles. So steht die 29-Jährige auf dem Deck der „Ruhrperle“ und überprüft die Höhe der Brüstung. Schließlich kommt sie zu ihrem Urteil: „Das ist hoch genug, da fällt niemand drüber.“ Ähnlich beruhigend ist für sie festzustellen, dass man in der Ruhr zwar nicht stehen kann, sie aber bei weitem nicht so tief ist, wie sie befürchtet hatte. So steht ihr Entschluss fest: „Ich fahre mit.“ Zur Sicherheit gehen auch Begleitboote der Wasserwacht mit auf Tour, die sofort Passagiere an Land bringen können. Man weiß ja nicht, ob vielleicht bei den anderen Flüchtlingen plötzlich die Ängste durchbrechen. Dilber denkt nun schon über einen nächsten Schritt nach. „Wir haben uns nach Schwimmunterricht erkundigt“, erzählt Andrea Happ-Jehles. Die Geschichte dieser Freundschaft geht weiter. Dilber Ali ist tatsächlich angekommen, nicht nur auf dem Schiff.