Die Narren haben jetzt die Macht in Mülheim übernommen

Altweiber und Möhnensturm auf dem Synagogenplatz. Prinz Max I. bekam den Rathausschlüssel von OB Dagmar Mühlenfeld überreicht.
Altweiber und Möhnensturm auf dem Synagogenplatz. Prinz Max I. bekam den Rathausschlüssel von OB Dagmar Mühlenfeld überreicht.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Gestern wurde mit der Übergabe des Rathausschlüssels das wilde Treiben eingeläutet. Bis Aschermittwoch haben die nun Möhnen die Macht.

Mülheim.. Etwas verspätet – die Papierkanone hatte wohl eine Ladehemmung – stürmten die Möhnen dann nicht ganz pünktlich um 11.11 Uhr das Medienhaus, in dem Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld schon mit dem Rathausschlüssel wartete. Vom Prinzenpaar Prinz Max I. und Lisa I. wurde die OB auf die Bühne auf dem Synagogenplatz geführt, wo dann die symbolische Schlüsselübergabe erfolgte.

Mit einem Gedicht verabschiedete sich Dagmar Mühlenfeld dann bis Mittwoch, denn nun haben die Möhnen bis Aschermittwoch die Macht über die Stadt. Urlaub ist der OB aber nicht vergönnt. Als „Super-Daggi Baukolonne“ wurde sie ins Stadtgebiet geschickt, um so viele Straßen, wie möglich, von den Schlaglöchern zu befreien.

Rund 500 Närrinnen aber auch Narren hatten sich trotz klirrender Kälte aber strahlendem Sonnenschein auf dem Synagogenplatz versammelt um zu feiern und zu schunkeln. Und da bekanntlich im Karneval alles erlaubt ist, floss das Bier auch schon vor vier, viele Närrinnen hatten sich mit Schnäpschen eingedeckt, die lautstark auf die Tische geklopft wurden. „An Karneval darf das mal sein“, sagt Anne Niehammer.

Später weiter nach Saarn

Die Winkhausenerin und ihre „Mädels“ sind schon seit über 20 Jahren an Altweiber unterwegs. Die Männer sind natürlich zuhause geblieben. Aber doch haben sich auch einige Männer zum närrischen Treiben in die Innenstadt getraut. „Klar stehen heute die Frauen im Vordergrund aber, wenn wir brav sind, dürfen wir als Anhängsel heute mitfeiern“, sagt Walter Fraude mit einem Augenzwinkern.

Gefeiert wird erst am Synagogenplatz, später zieht es das Ehepaar eher nach Saarn. „Da ist ein bisschen mehr los“, sagt Ute Fraude. „Aber die Schlüsselübergabe gehört einfach dazu.“ Und so wird in der Innenstadt erst noch ein bisschen weitergeschunkelt, denn der Tag ist schließlich noch lang.

Schunkeln im Sonnenschein beim Saarner Straßenkarneval

„Du bist aber spät dran.“ „Wir haben Dich schon vermisst.“ „Warst Du etwa sooo lange in der Maske?“ Diese und weitere Sprüche muss sich eine Kapitänin gefallen lassen, als sie sich endlich zu ihrer Damenclique durchgekämpft hat. „Ich habe Euch in dem Gedränge zwar nicht gesehen – aber gehört“, antwortet der hübsch zurechtgemachte „Kapitän“ und übernimmt sofort das Kommando zum nächsten „Uss Ssaan, Helau“. Das ist nur ein Spaß beim Altweiberkarneval auf dem Pastor-Luhr-Platz in Saarn.

Dabei tanzen auf dem Dorfpflaster nicht nur „aule Saansche Wiewer“, sondern auch junge Frauen haben gar nicht erst Kontakt mit Arbeit und Kochtopf gesucht, sondern sich gleich in die fröhlich gestimmte Menge gemischt. Männer und Jungs sind beim Möhnentreffen in der Minderheit, aber trotzdem gern gesehen: „Wir brauchen sie heute zum Bierholen und zum Bezahlen“, ruft eine Clownin mit knallroter Perücke und bekommt aus der Runde sofort ein lautstarkes „Richtig so!“ zurück.

„Feiern vor der Haustür ist das Beste“

Die Saarner Werbegemeinschaft und die Karnevalsgesellschaft Muelheimer Stadtwache organisieren seit einigen Jahren den närrischen Auftakt zum Sessionsfinale an der Düsseldorfer Straße. Alles, was im Dorf Rang und Namen hat oder gesehen werden will, schunkelt, klatscht, ruft und tanzt vor der Bühne. „Wir brauchen nicht in die Stadt oder nach Düsseldorf zu fahren. Feiern vor der Haustür ist das Beste“, herzt eine gut gelaunte Seniorin ihre Nachbarin.

Auf dem Podium wechseln, sich Gruppen, Garden und Büttenredner ab. „Dä kenn ich“, ruft eine Indianerin als Harry Kremer im weißen Arbeitsanzug in die Bütt geht. Trotz Mikrofon und Lautsprechern erreichen des Anstreichers lustige Tapeziergeschichten nicht alle Ohren. Die Frauen in der Menge haben sich so viel zu erzählen. „Ich ruf jetzt die Sandra und die Judith an, die können doch heute hier nicht schwänzen“, zückt eine Katze in Grün ihr Handy. Gleich nebenan steht Heino mit seiner Liebsten. Sein wirkliches Leben hat er an diesem Tag mit weißen Haaren und Sonnenbrille getarnt.

Aufwärmen in den Kneipen

Im Hintergrund kümmert sich Josef Pütz um die auftretenden Gäste. „Das war nicht so einfach, alle Garden und Redner hier auf den Platz zu bekommen. Aber zum Glück unterstützen uns auch Saarner Frauen und Männer mit Tänzen und Büttenreden“, sagt Pütz, der an Weiberfastnacht für die Werbegemeinschaft und als Karnevalist im Einsatz ist.

Nach stundenlangem Schunkeln verläuft sich am Nachmittag der bunte Schwarm – und wärmt sich auf in den Kneipen von Saarn.