Die Kinderarmut wächst

Die Zahl der Kinderarmut wächst, auch in Mülheim.
Die Zahl der Kinderarmut wächst, auch in Mülheim.
Foto: Herbert Höltgen
Was wir bereits wissen
Die Zahlen sind seit Jahren steigend: Immer mehr Kinder in Mülheim sind auf Hartz IV angewiesen, weil sie in sogenannten „Bedarfsgemeinschaften“ leben. 2014 waren 26,3 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren auf Hartz IV angewiesen. 2,3 Prozentpunkte mehr als 2010.

Mülheim.. Die Zahlen sind seit Jahren steigend: Immer mehr Kinder in Mülheim sind auf Hartz IV angewiesen, weil sie in sogenannten „Bedarfsgemeinschaften“ leben, d.h. in Haushalten, in den zumeist die Eltern Hartz IV beziehen. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) hat Zahlen veröffentlicht, die sich weitestgehend mit denen der Stadt decken: Demnach haben 2014 5367 Mädchen und Jungen unter 15 Jahren Leistungen aus dem SGBII bezogen. Das ist im Vergleich zu 2010 ein Plus von 2,3 Prozentpunkte und es sind 26,3 Prozent aller 22 416 Kinder und Jugendlichen in dieser Altersgruppe. Zugleich ist auch die Zahl erwachsener Leistungsbezieher gestiegen, um 3,4 Prozentpunkte.

Ulrich Schreyer, Geschäftsführer des Diakoniewerk Arbeit und Kultur, überraschen diese Zahlen nicht. „Alles was an Zahlen in Mülheim vorliegt, ist vorhersehbar“, sagt er und rechnet sogar mit einer weiteren Steigerungsrate. Die Geburtenraten in Stadtbezirken, in denen viele Leistungsbezieher und Langzeitarbeitslose leben, seien gestiegen. Und bei der Tafel bestätige sich das Bild, „dass immer mehr junge Familien mit ihren Kindern zu uns kommen“, so Schreyer. Rund 300 Menschen, die am Existenzminimum leben, kommen täglich zur Tafel, hinzu kommen rund 40 Abhängige, 50 Obdachlose und „wir verteilen täglich 540 Schulfrühstücke“, zählt Ulrich Schreyer auf, der auf eine 30-jährige Erfahrung als Sozialreferent zurückblicken kann. Er sieht mit Sorge, wie viele Eltern mit ihren Kleinkindern zur Tafel kommen.

700 Mülheimer Familien beziehen Betreuungsgeld

Das Betreuungsgeld, das derzeit in Mülheim 700 Familien beziehen, „greift nicht“, ist Ulrich Schreyer überzeugt. Gerade Familien, bei denen es fürs Kind objektiv gesehen besser wäre, wenn sie früh in einer Kita Zugang zur Bildung bekämen, würden das Betreuungsgeld in Anspruch nehmen. Allerdings, so betont Schreyer, sei die Tafel kein sozialpolitisches Instrument. Natürlich würden sich viele Besucher austauschen und beispielsweise Familien aus dem Irak und Syrien sich darüber unterhalten, wie ein Leben hier organisiert werden kann. Und manchmal fragen einige auch, „kann ich hier nicht arbeiten?“ Aber: „Wir haben immer weniger Möglichkeiten“, sagt Schreyer. Erst Ende 2014 sind 75 Stellen im Programm „Bürgerarbeit“ ausgelaufen: „Das ist auch kein Bild für die Kinder, wenn die Eltern zu Hause sind. Wir brauchen dringend einen sozialfinanzierten Arbeitsmarkt, der diese Schere durchbricht.“

Dass immer mehr Kinder auf Hartz IV angewiesen sind, ist aber kein speziell Mülheimer Problem. „Es ist in allgemeiner Trend in NRW“, erklärt Klaus Konietzka, Leiter der Sozialagentur. Lediglich sechs der 53 der in der Studie benannten NRW Kommunen weisen keine Steigerung von Kindern und Jugendlichen auf, die SGBII-Leistungen beziehen.

Viele Eltern stocken auf

Ein Trend, der auch zu beobachten sei: Der Anteil der unter 15-Jährigen ist unter allen Leistungsbezieher angestiegen – in Mülheim von 27,9 % in 2010 auf 28,7 % in 2014. Ein Grund liege darin, dass der Anteil der großen Bedarfsgemeinschaften mit fünf Personen und mehr im Haushalt kontinuierlich steigt – von 5,4 % in 2010 auf 6,2 % in 2014. Das hat wiederum auch zur Folge, dass in vielen Familien das Einkommen, das erbracht wird, nicht ausreicht, „um die ganze Familie zu ernähren“, erklärt Klaus Konietzka. Und so sind in den Zahlen auch die Kinder und Jugendlichen erfasst, die „ergänzende Leistungen“ beziehen, weil das Einkommen der Eltern nicht ausreicht - sogenannte Aufstocker.

Zahlen und Fakten: Aktuell beziehen 700 Mülheimer Eltern Betreuungsgeld für ihre Kleinkinder, die nach dem 1. August 2012 geboren sind. In Essen sind es 2100 Familien, in Oberhausen 875.
Das Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro wird an Eltern gezahlt, die ihre ein- bis dreijährigen Kinder zu Hause erziehen und nicht in eine öffentlich geförderte Kindertagesstätte oder zu einer Tagesmutter geben.
Beim für Mülheim zuständigen Versorgungsamt Essen sind bislangb insgesamt 6000 Anträge auf Betreuungsgeld eingegangen, 1175 davon aus Mülheim, 1465 aus Oberhausen und 3365 aus Essen. Tendenz steigend.