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Die gespielte Identität

24.11.2009 | 09:00 Uhr

Das Theater an der Ruhr (TAR) startet mit großen Fragen ins neue Jugendprojekt „Ich und andere Lügen”.

Nichts ist unmöglich in der heutigen Zeit. Jeder kann ganz so sein wie er ist, ohne Tabus. Und doch gibt es da die Castingshows, die die Schönste und den Begabtesten wählen. Die Assessment-Center, in denen Bewerber die anderen ausstechen können – wenn sie nur ehrgeizig und zielstrebig genug sind. Da gibt es auch noch die Werbung und die Peergroup, die vor kurzem noch Clique hieß.

Um all das geht es in „Ich und andere Lügen” – um die schwere und oft sogar unmögliche Suche nach der eigenen jungen Identität. Ab Mittwoch zeigen Schauspieler und Jugendliche das Stück im Theater an der Ruhr. „Unsere Gesellschaft fordert einserseits, dass jeder etwas ganz Besondereres und möglichst individuell sein soll. Auf der anderen Seite müssen wir uns doch alle an ein Idealbild anpassen, das vor allem durch die Medien generiert wird”, erklärt Sven Schlötcke, Dramaturg und Geschäftsführer am Theater, die Idee hinter dem Projekt „Ich und andere Lügen”.

Entstanden war sie bereits im Sommer, im Herbst wählten Schlötcke und Regisseur Albrecht Hirche die jungen Schauspieler aus. Nicht wie bei Deutschland sucht den Superstar, versichern beide. „Aber wer bei uns mitmacht, muss das Gefühl aushalten, auf einer Bühne zu stehen”, sagt Sven Schlötcke. Und da kommen schließlich Fragen auf den Tisch, die jeden jungen Menschen direkt angehen, beschäftigen und aufwühlen. Wer bin ich? Wie muss ich sein, um Erfolg zu haben? Um aufzufallen oder vielleicht gerade nicht? Ist das Leben vielleicht nur ein großes Spiel und ich einer der Darsteller, der seine Rolle spielt? Sieben junge Menschen zwischen 19 und 33 Jahren, sechs Frauen und ein Mann, stellen sich auf der Bühne einem „geheimnisvollen Experiment” – so kündigt es der Spielplan an.

Und viel mehr wollen Dramaturg und Regisseur auch vor der Premiere gar nicht verraten. „Die Überraschung ist entscheidend”, meint Hirche grinsend. Der Rahmen wird anders sein als bei einem klassischen Theaterstück, so viel lässt er sich noch entlocken. Aber: „Es gibt einen Anfang und ein Ende. Und eine Handlung auch.” Die ist stark von eigenen Nachforschungen der Jungschauspieler beeinflusst, ergänzt Schlötcke. Verarbeitet sind etwa Interviews mit Mülheimer Jugendlichen und auch ganze wissenschaftliche Studien. „Das Projekt gliedert sich direkt in unsere Jugendarbeit ein, die wir im letzten Jahr noch ausgebaut haben”, freut sich der Geschäftsführer.

Und erzählt von Märchen für Vorschulkinder, von „Theaterdrang”, ein Netzwerk, das das Haus mit sechs Schulen aufgebaut hat, dem Projekt „Chatroom” aus der vergangenen Spielzeit und dem Stück „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß” für Zuschauer ab 16 Jahren, das auch weiterhin aufgeführt wird. Mit „Ich und andere Lügen” soll die kulturelle Jugendarbeit in Mülheim nun eine neue Ausprägung bekommen – und dabei wird's ernst. Die konkurrierenden Anforderungen unserer Gesellschaft führen bei Jugendlichen im schlimmsten Fall zum Identitätschaos oder -terror, formuliert Sven Schlötcke. Mal sehen, wie sich das auf der Bühne auswirkt.

Caroline Uschmann

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