Die erste eigene Schallplatte

Am folgenden Tag ging ein Lauffeuer durch die Kurfürstenstraße: Die Amerikaner stehen im Kassenberg. In der Nachbarschaft sorgte das für Aufregung, aber wir Jungens mussten da natürlich hin. Etwa dort, wo der alte Hohlweg auf den oberen Kassenberg mündete, standen Militärfahrzeuge in einer langen Reihe, deren Ende ich nicht sehen konnte. Alle Fahrzeuge waren mit Soldaten besetzt, alle sehr aufmerksam und zum sofortigen Aufbruch bereit. Wir haben erstmal nicht schlecht gestaunt und uns nur langsam genähert. Einige Deutsche, vor allem Kinder und Jugendliche, hatten sich bereits zu den Amis vorgewagt. Die Soldaten waren fast alle freundlich, verteilten Kaugummis, Kekse, Schokolade und, für mich ein Novum, Käse in Dosen. Die Verständigung war schwierig, „come on boy, come on girl“ haben die Amerikaner gesagt und gestikuliert.

Dann fiel er mir auf – ein baumlanger, pechschwarzer Soldat mit seinem Stahlhelm auf dem Kopf, der am Steuer eines offenen Lkw saß. Es war das erste Mal, dass ich einen Neger sah – ich schreibe bewusst Neger, weil ich das damals als Kind so empfunden habe, auch wenn der Begriff heute nicht mehr in Gebrauch ist. Bis dahin kannte ich jedenfalls nur das kleine Negerlein auf der Kollektenkiste im Kindergottesdienst. Der Soldat muss wohl bemerkt haben, wie ich ihn staunend ansah und winkte mich zu sich heran. Vom Lkw herunter schenkte er mir eine 30 cm Schallplatte mit Swingtiteln von Charlie Barnet. So ein Ding, obwohl schon ziemlich zerkratzt, hatte ich noch nie in der Hand gehabt. Und wer war eigentlich Charlie Barnet?!

Ich sollte es erst Jahre später herausfinden, als ich sie auf einem selbstgebastelten Plattenspieler hörte. Die Platte habe ich noch heute, durch sie bin ich zum glühenden Jazzfan geworden und habe 1953 die Mülheimer Band Woodhouse Stompers mitgegründet.

Zu dem Soldaten sagte ich damals einfach nur „danke“ und hoffte, dass er mich versteht. Kurz darauf fuhr die Kolonne davon.