Die erste eigene Schallplatte

Schon als kleiner Junge wohnte Walter Schmitz mit seiner Familie in der Kurfürstenstraße in Broich. Der 79-Jährige kann sich noch gut an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Mülheim erinnern. Freigelassene Fremdarbeiter zogen aus dem Internierungslager an der Bülowstraße plündernd durch die Nachbarschaft. Auch das Lebensmittelgeschäft an der Ecke Duisburger Straße/Haagerfeld/Schloßberg wurde nicht verschont. Nach den Plünderern schauten die Jungs nach, was es noch Brauchbares gab. Die Beute: Waschpulver. Als sie das Geschäft verließen, kamen ihnen flüchtende Menschen entgegen. „Die Amerikaner kommen!’, riefen sie. Ein Trupp von 50 Soldaten marschierte mit der Waffe im Anschlag von der Ruhr kommend durch die Broicher Eisenbahnunterführung.

Schmitz versteckte sich hinter einer Mauer. Aus Speldorf kam auf der Duisburger Straße ein deutsches Motorrad mit Beiwagen angefahren. „Ich warnte die Soldaten. Die Amerikaner waren damals ja der Feind, da musste ich nicht lange überlegen, was ich tue.“ Der Leutnant stieg aus und verschanzte sich mit einer Maschinenpistole in dem geplünderten Tabak-Pavillon an der Straßenecke. Von dort feuerte er auf die Amerikaner. Die erwiderten nur spärlich das Feuer. Dann war Ruhe, der Feind zog sich zurück. „Ob es Verletzte gab, weiß ich nicht. Ich habe zugesehen, dass ich nach Hause komme.“





Am nächsten Tag ging ein Lauffeuer durch die Kurfürstenstraße: „Die Amerikaner stehen im Kassenberg.“ „Wir Jungens sind natürlich hin. Die Militärfahrzeuge standen in einer langen Reihe, deren Ende ich nicht sehen konnte.“ Die Soldaten waren fast alle freundlich, verteilten Kaugummis, Kekse, Schokolade und, „für mich ein Novum“, Käse in Dosen. Die Verständigung war schwierig, „come on boy, come on girl“ haben die Amerikaner gesagt und gestikuliert.

„Dann fiel er mir auf – ein baumlanger, pechschwarzer Soldat am Steuer eines offenen Lkw. Es war das erste Mal, dass ich einen Neger sah – ich schreibe bewusst Neger, weil ich das als Kind so empfunden habe, auch wenn der Begriff heute nicht mehr in Gebrauch ist. Der Soldat winkte mich zu sich heran. Er schenkte mir eine Schallplatte mit Swingtiteln von Charlie Barnet. So ein Ding, obwohl schon ziemlich zerkratzt, hatte ich noch nie in der Hand gehabt. Und wer war Charlie Barnet?! Ich sollte es erst Jahre später herausfinden, als ich sie auf einem selbstgebastelten Plattenspieler hörte. Die Platte habe ich noch heute, durch sie bin ich zum glühenden Jazzfan geworden und habe 1953 die Mülheimer Band Woodhouse Stompers mitgegründet.“