Die eigene Biografie als Auftrag

„Es gibt Veranstaltungen, die muss man planen. Aber manche Veranstaltungen werden einem geschenkt. Dies war eine solche Veranstaltung“, sagt der Direktor der katholischen Akademie Die Wolfsburg, Michael Schlagheck, nach dem seine ehemalige Lehrerin und Schulleiterin, die Ursulinen-Schwester Johanna Eichmann, im Auditorium der Akademie aus ihren Lebenserinnerungen gelesen hat, musikalisch und literarisch begleitet von Sängerin Coline Hardelauf und Pianist Pascal Schweren, die Texte der 1944 in Auschwitz ermordeten Dichterin Ilse Weber vortragen. Die knapp 400 Zuhörer im Auditorium der Wolfsburg sehen es genauso, wie Schlagheck, und applaudieren.

Die Lebensgeschichte von Schwester Johanna Eichmann, die als Ruth Eichmann 1926 geboren wurde, beeindruckt und berührt, weil sie den ganzen Wahnsinn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am Schicksal einer Familie sicht- und begreifbar macht. Dem kann und will sich auch 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau niemand entziehen. Gerade weil Schwester Johanna ihre Lebensgeschichte bescheiden und ohne Pathos oder moralischen Fingerzeig erzählt, wirkt sie umso eindringlicher.

Es ist die Geschichte der Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters, deren jüdischer Großvater und Onkel in Auschwitz ermordet werden. Sie selbst wird als jüdisches Mädchen in Recklinghausen erzogen, aber 1933 aus Gründen des persönlichen Schutzes katholisch getauft. „Ihr müsst das Kind taufen lassen“, hatte die jüdische Großmutter noch auf ihrem Sterbebett die Eltern ermahnt, obwohl sie zuvor immer beteuert hatte: „Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen.“

Ruth erlebt den Nazi-Boykott jüdischer Geschäfte. Sie erfährt vom Schicksal ihres Onkels Paul, der von der SA mit einem Schild um den Hals als „Saujud“ verhöhnt und durch Recklinghausen geführt wird. Sie selbst wird in der Volksschule wegen ihrer jüdischer Herkunft diskriminiert, findet dann aber Zuflucht und Ermutigung auf dem Gymnasium und im Schulinternat der Ursulinen in Dorsten. „Jesus war auch Jude. Und das jüdische Volk ist das auserwählte Volk Gottes und du gehörst dazu“, erinnert sich Eichmann noch heute dankbar an die moralische Aufrüstung durch ihre damalige Schulleiterin Mater Petra Brüning. „Das hat mir unheimliches Selbstvertrauen gegeben. Denn man muss auch an sich selbst glauben, wenn man überleben will“, sagt Eichmann.

Museums-Gründerin

Dieses Selbstvertrauen trägt sie auch, als die Nazis den Ursulinen die Schulleitung abnehmen und Ruth die Schule verlassen muss. Sie macht eine Ausbildung als Dolmetscherin und kommt dann als Sekretärin in einer Berliner Tischlerei unter. Sie überlebt, ebenso, wie ihre Eltern. Als sowjetische Truppen Berlin erobern, sagt sie einem russischen Soldaten, dass sie Jüdin sei und hört von ihm den Satz, den sie später zum Titel ihrer Autobiografie machen wird: „Du nix Jude. Du blond. Du deutsch.“ Obwohl Eichmann seit 1952 als Schwester Johanna Mitglied des Ursulinenordens ist und über Jahrzehnte als Lehrerin (für Deutsch und Französisch) und als Direktorin an der Schule der Ursulinen in Dorsten gewirkt hat, die sie einst selbst besucht hatte, sagt Schwester Johanna Eichmann auch heute über sich: „Ich bin immer noch Jüdin und sehe meine Biografie als Auftrag.“ Diesen Auftrag hat sie nicht nur als Zeitzeugin, sondern auch als Gründerin des Jüdischen Museums Westfalen erfüllt. Im Rückblick auf ihren Lebensweg, der die biblische Glaubenstraditionen von Judentum und Christentum verbindet und der sie auf der Spurensuche nach dem Schicksal ihres Großvaters und Onkels 1983 auch nach Auschwitz geführt hat, sagt sie: „Was in Auschwitz geschehen ist, zeigt uns, welchen Weg wir als Menschen suchen und welchen wir auf keinen Fall gehen dürfen.“