Die Drei von der Tankstelle

Was wir bereits wissen
Leonella Curia, Alina Klapper und Jakup Demirovic sind Auszubildende bei der Tankstelle Kraft. Sie schätzen die familiäre Atmosphäre dort. Dafür wurde der Betrieb auch schon ausgezeichnet

Eine Ausbildung an der Tankstelle? Leonella Curia, Alina Klapper und Jakup Demirovic haben damit kein Problem und arbeiten an der Tankstelle Kraft an der Aktienstraße. Wenn man wissen will, was sie daran reizt, muss man ihnen bei der Arbeit zuschauen: Eine Dame bewegt sich auf die Kasse zu, 91 Jahre ist sie alt, eine Stammkundin. Die drei kennen sie längst, denn jeden Tag kommt sie hier bei der Tankstelle Kraft vorbei. Meistens sogar mehrmals. Die Seniorin, die direkt gegenüber wohnt, kauft hier nicht nur Zeitung und Rubbellose und trinkt einen Kaffee, sondern sucht auch das Gespräch. Die drei Azubis wissen längst, wie man so ein Schwätzchen führt und das so etwas mit zu ihrem Job gehört. „Haben Sie schon gesehen, wir haben wieder neue Wundertüten bekommen“, sagt Alina. Sie weiß, dass die Seniorin sich für diese Ware besonders begeistert. Aber auch die anderen beiden, Leonella und Jakup, grüßen natürlich. Man kennt sich.

Und hier zeigt sich: An einer Tankstelle wird längst nicht mehr nur getankt, sie ist auch eine soziale Anlaufstelle. Dann durchaus ein bisschen so wie der Tante Emma-Laden von früher. Alina, Leonella und Jakup schätzen diese familiäre Atmosphäre. Denn Fachkenntnisse sind wichtig, aber sie alleine reichen nicht aus. Es gibt Pädagogen, die sagen, die Erfahrungen, die Schüler gemeinsam auf dem Pausenhof machen, seien mindestens genauso wichtig, wie das, was im Unterricht gelehrt wird. Was für die Schule gilt, trifft aber vielleicht in noch größerem Maße auf die Ausbildung zu. Zumindest ist das so an der Tankstelle Kraft. Für die Chefin, Anja Kraft, geht es bei der Ausbildung nicht nur um berufliche Qualifikation, sondern immer auch um Persönlichkeit.

Kaufleute im Einzelhandel Fachbereich Tankstelle – so heißt der Beruf, den die Drei bei Kraft erlernen. Seit 2001 in das dort möglich. Und das dies so ist, hat auch etwas mit Persönlichkeit zu tun. Und mit einer Bürokratie, die erfreulicherweise doch nicht so bürokratisch ist, dass sie persönlichen Einsatz ignorieren würde. „Eigentlich dürfte ich nämlich gar nicht ausbilden. Ich habe von der IHK eine Sondergenehmigung bekommen“, erzählt Kraft. Neun Lehrlinge haben seitdem die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. „Wir haben zu jedem von ihnen heute noch Kontakt. Teilweise arbeiten die mittlerweile in ganz anderen Bereichen. Es gibt sogar welche, die studiert haben. Einer ist jetzt Lehrer. Sie kommen hier aber noch gerne vorbei. Sie sagen uns, das sie etwas für ihr Leben mitbekommen haben.“ Was dieses etwas ist, wird deutlich, wenn die 48-Jährige, die selbst einmal eine Ausbildung als Verkäuferin gemacht hat, weitererzählt. Denn sie spricht nicht über Noten oder Abschlusszeugnisse, sie erzählt von Entwicklungsprozessen. Da ist das Mädchen, mittlerweile verheiratet und Mutter, das einst schüchtern und vollkommen unscheinbar vor seiner Chefin stand. „Sie ist nicht aufgefallen, man hat sie übersehen. Aber sie war fleißig und gewissenhaft. Ich habe ihr immer neue Aufgaben übertragen. Und schließlich hat sie die Post-Filiale, die der Tankstelle angeschlossen ist, allein gemanagt.“ Manchmal macht aber Kraft Entwicklungen auch erst möglich: „Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern: Die Eltern saßen mit ihrem Sohn im Büro. Er wollte nicht weiter zur Schule gehen, sondern bei uns als Lehrling anfangen. Aber ich habe gleich gemerkt, dass die Eltern eigentlich dagegen sind. Sie hätten wohl lieber gesehen, dass er weiter die Schulbank drückt. Das habe ich schließlich offen angesprochen.“ Die Folge: Eine große Aussprache, die Eltern akzeptieren den Wunsch ihres Sohnes. Er arbeitet heute, auch nach seiner Ausbildung, immer noch dort.

Familiäre Atmosphäre

„Ich will nicht falsch verstanden werden, ich sehe mich nicht als die Freundin meiner Azubis. Ich bin die Chefin. Ich mische mich auch nicht in Privatangelegenheiten ein. Aber meine Lehrlinge wissen, dass sie immer zu mir kommen können. Und das tun sie, auch bei privaten Sachen“, sagt Anja Kraft. „Die Basis ist Vertrauen. Ich bin fair zu ihnen, dann erwarte ich das auch von ihnen. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass die Azubis nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Bei mir machen sie keinen Spät- und keinen Sonntagsdienst. Und wenn jemand mal früher nach Hause muss, weil etwas in der Familie ist, dann kann er auch gehen. Im Gegenzug erwarte ich dann aber auch, dass sie bereit sind, Einsatz zu zeigen, wenn bei uns mal Not am Mann ist. Aber meine Erfahrung ist, da muss man gar nicht so viel drüber reden. Die jungen Leute merken sehr schnell, ob man es tatsächlich ehrlich meint. Wir haben hier eine familiäre Atmosphäre. Dazu gehört auch Geborgenheit.“

Anja Kraft ist sowieso ein Mensch, der eigentlich gar nicht so viel über ihren Einsatz für ihre Azubis reden will. „Für mich ist das selbstverständlich. Das liegt an meiner Erziehung.“ Auch Seniorchef Udo Kraft, der vor 45 Jahren den Betrieb gegründet hat, hat von Anfang Lehrlinge gehabt, damals noch in der Werkstatt. So ist es auch für sie heute selbstverständlich, Kontakt zu den Schulen zu halten: „Ich habe immer sehr gut mit der Hauptschule an der Bruchstraße zusammengearbeitet. Ich kenne die Lehrer und kann mich auf deren Empfehlungen verlassen. Es ist schade, dass die Schule geschlossen wird. Guten Kontakt habe ich auch zum U 25-Haus, wo ebenfalls gute Arbeit geleistet wird.“ Ist das alles wirklich selbstverständlich? Wohl nicht, Vor zwei Jahren wurde Anja Kraft für ihr Engagement mit dem Ausbilderpokal der Stadt ausgezeichnet.