Die Denkfabrik

Solche forsche Typen werden in der Industrie gebraucht: Deswegen zeichnet Siemens jedes Jahr die Erfinder unter ihren Mitarbeitern aus. In diesem Jahr ging der Preis an den Mülheimer Christoph Lehmann - er ist der Siemens-Erfinder des Jahres 2014. Für Rüdiger Semmler, den Standort-Leiter, eine Bestätigung für die profilierte Arbeit, die in Mülheim bei Siemens geleistet werde. Ein erfreuliches Signal angesichts der Strukturveränderungen innerhalb des Konzerns, von denen noch nicht klar ist, welche Folgen sie für den Standort haben. „Wir in Mülheim sind Denkfabrik. Nur so können wir wettbewerbsfähig bleiben, Standort und Beschäftigung sichern“, sagt Semmler.

Und der Mülheimer Standort des Konzerns zeigt sich in der Tat erfindungsreich: Bereits zum zwölften Mal wurden im März die Erfindertage dort veranstaltet. Fünf Tage lang haben 200 Teilnehmer aus dem ganzen Konzern in 32 Teams dort an neuen Ideen gemeinsam getüftelt und darüber diskutiert. „Innovation ist unsere Stärke“ - das dieses Motto nicht nur ein Marketing-Gag ist, beweist das Ergebnis: 318 neue Erfindungen konnten die Teilnehmer am Ende verbuchen. Allerdings sind die Inhalte noch vertraulich, aber die Erfindungen, so versichert Siemens, würden schrittweise als Patente angemeldet werden.

Geistesblitz

Bei den Erfindertagen ist auch immer Preisträger Christoph Lehmann mit dabei. Der 59-Jährige, der seit drei Jahrzehnten bei Siemens arbeitet, studierte Elektrotechnik und wurde später mit einer Studie über elektrische Maschinen promoviert. Schon seit dieser Zeit arbeitet Christoph Lehmann am Mülheimer Standort. Sein ganzes Berufsleben ist geprägt von Entwicklungsarbeiten. Heute hat Lehmann die Funktion eines „Consultant Managers“ und berät seine Abteilung in allen technischen Fragen. Er hat bislang bereits 100 Erfindungen angemeldet, die in 123 Einzelpatenten und 57 Schutzrechtsfamilien geschützt sind. Zum Vergleich: Der Gesamtkonzern Siemens meldete im Geschäftsjahr 2014 rund 4300 Patente an.

Den Preis in diesem Jahr hat Lehmann bekommen, weil er dafür gesorgt hat, dass sein Unternehmen Geld sparen kann. Es ist ihm gelungen, die Komponenten einer Gasturbine neu zu kombinieren, um damit die Herstellung wesentlich günstiger zu machen. Er hat damit eine Möglichkeit gefunden, die den öldruckbetriebenen Hydraulikmotor überflüssig macht , der den Turbinen-Generator-Wellenstrang während der Abkühlphase in der Fertigung antreibt. Die Aufgabe des Motors kann jetzt einer von zwei ohnehin vorhandenen Hilfsgeneratoren übernehmen, der bei Bedarf auf Motorbetrieb umgeschaltet wird. Die Idee dazu kam Lehmann vor einigen Jahren. „Ich war an der Planung des weltgrößten Dampfturbinen-Generators für ein finnisches Atomkraftwerk beteiligt.“ Plötzlich habe er eine Art Geistesblitz gehabt.

Seine besten Ideen bekommt Lehmann nicht im Büro, sondern bei Spaziergängen am Wasser, am besten gemeinsam mit seiner Frau. „Gerade wenn ich ungestört bin und ohne Druck meinen Gedanken nachhänge, fallen mir Lösungen ein“, erzählt er. In seiner Freizeit besucht Lehmann häufig Trödelmärkte, denn er sammelt altes Spielzeug. Aber er hat auch noch eine andere Sammel-Leidenschaft - natürlich nicht ohne Berufsbezug: Alte Technikbücher über Kraftwerke und Generatoren. „Dort finde ich auch viele Anregungen.“

Im kommenden Jahr plant Christoph Lehmann in den Vorruhestand zu gehen. Er freut sich schon darauf, dann künftig mehr Zeit für ein Hobby zu haben, das dann tatsächlich einmal nichts mit dem Beruf zu tun hat: die Musik.Der 59-Jährige singt in einem Gospelchor und spielt Bassgitarre. Allerdings: Auf Technik kommt es bei dem Instrument auch an. Aber das ist dann nur ein Spiel.