Die Angst darf nicht das letzte Wort haben

Die Präsidentin der Röhrengarde, Elli Schott, und ihr Amtskollege Heino Passmann von den Roten Funken lassen keinen Zweifel daran, dass der Terroranschlag in Paris, bei dem zwölf Journalisten des Satiremagazins Charlie Hebdo von islamistischen Fanatikern ermordet worden sind, auch sie schockiert und traurig macht.

Dennoch sind sich beide Karnevalisten einig, dass es ein völlig falsches Zeichen wäre, wenn sie aus Solidarität mit den Terroropfern und ihren Angehörigen, das karnevalistische Volksfest und die närrische Herrensitzung, die am Wochenende über die Bühne gehen sollen, absagen würden.

Eine Absage wäre das falsche Signal

„Das eine schließt das andere ja nicht aus“, betont Passmann mit Blick auf den Zwiespalt zwischen der Trauer um die Terroropfer und das fröhliche Feiern des Karnevals.

Auch wenn die Karnevalisten 1991 den Rosenmontagszug absagten, weil damals Menschen im Golfkrieg um das Emirat Kuwait starben, sagt Passmann heute vor dem Hintergrund der Hiobsbotschaften aus Paris: „Gerade jetzt müssen wir Karnevalisten dem Terror und der Angst, die seine Urheber auslösen wollen, ein Zeichen der Freiheit und der Lebensfreude entgegensetzen.“

Auch die Frontfrau der Röhrengarde ist davon überzeugt, das die Absage einer Karnevalsveranstaltung als Reaktion auf den Terroranschlag signalisieren würde, „dass wir uns dem Druck und den Forderungen von Radikalen und Fundamentalisten unterordnen.“

Diese Vorstellung empfindet Elli Schott als unerträglich, weil der Karneval und seine Geisteshaltung der Narrenfreiheit auch dafür steht, „dass wir in unserer Gesellschaft frei sind, zu sagen und zu schreiben, was wir für richtig halten.“ Der Karneval lebt aus ihrer Sicht eben auch davon, dass man zum Beispiel mit einer guten Büttenrede „Menschen den Spiegel vorhalten“ kann. „Wenn sich dann jemand wiedererkennt und vielleicht auf den Schlips getreten fühlt, muss er das ertragen und damit umgehen können“, ist Schott überzeugt. Nicht ohne Sorge und Bedauern sieht sie deshalb, dass der Mülheimer Karneval, der immerhin beim Prinzenball eine Spitze Feder für die Verdienste um das freie Wort verleiht, seit Jahren unter einem Mangel an Büttenrednern leidet, die sich pointiert aus der Deckung wagen.

Für den Präsidenten der Roten Funken steht fest: „Die Terroristen hätten ihr Ziel erreicht, wenn es ihnen mit ihren Gewalttaten gelänge, uns in einen Zustand der Angst zu versetzten, in dem wir darauf verzichten, zu großen Veranstaltungen zu gehen, um dort gemeinsam zu feiern, fröhlich zu sein und auch zu sagen, was wir wollen.“

Schott und Passmann sind sich mit Blick auf den Mülheimer Karneval einig, dass dieser gerade in schwierigen Zeiten Hoffnung, Freude und soziale Gemeinschaft vermittelt. „Denn hier treffen sich Menschen aus allen Gruppen der Gesellschaft und niemand wird gefragt, wo er her kommt oder welche Hautfarbe er hat“, unterstreicht Passmann.

Auch Schott macht nicht nur in ihrer Gesellschaft immer wieder die Erfahrung, „dass immer mehr Kinder aus Zuwandererfamilien zu uns kommen und unser närrisches Brauchtum annehmen, weil sie sich auch von uns angenommen fühlen.“

Als Närrin weiß sie, „dass jeder Jeck anders ist und eben so genommen werden muss.“ In diesem Sinne begreift sie den Karneval und seine Feste auch als eine gesellschaftliche Chance: „Menschen unter fröhlichen Vorzeichen zusammenzuführen, damit sie sich kennen lernen und dabei vielleicht auch Vorurteile und Berührungsängste abbauen können.“

„Gerade weil es in unserem Leben und in unserer Welt jeden Tag Leid gibt, müssen wir uns die Freude bewahren“, unterstreicht Passmann. Dabei will der Funken-Präsident nicht der Ignoranz das Wort reden. Er macht aber auch angesichts des immer vorhandenen Elends von Flucht, Krieg, Krankheit, Obdach- und Arbeitslosigkeit deutlich, „dass keinem leidenden Menschen damit geholfen ist, wenn alle, denen es vielleicht besser geht, traurig sind.“

Närrische Gleichberechtigung

Als Sitzungspräsident einer Herrensitzung kennt Heino Passmann auch aus anderer Richtung die Frage nach dem politisch korrekten Karneval und beantwortet sie gelassen: „Warum soll es in Zeiten der Gleichberechtigung neben einem närrischen Hausfrauennachmittag nicht auch eine Herrensitzung geben, bei der die Männer, wie bei einem Frühschoppen mit Programm mal ganz gemütlich unter sich feiern.“

Und dabei, so viel steht fest, werden die Herren der Schöpfung, auch über so manchen frech-frivolen Witz auf Kosten ihrer besseren Hälften nicht vergessen, dass sie ohne ihre Frauen im Leben nichts oder nur wenig zu lachen hätten.