Die AfD will ihren Marktwert ausloten

Mit Martin Fritz hat jetzt auch die AfD einen Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl gewählt. Von den 20 anwesenden Mitgliedern hätten alle für den 58-Jährigen gestimmt, so Sprecher Zimmermann. Fritz, der im Stadtrat sitzt, hatte bereits bei der Bundestagswahl für die AfD kandidiert. Für dieses Amt hatten sich zunächst drei Mitglieder interessiert, von denen aber zwei Tage vor der Sitzung ihre Kandidatur zurück gezogen hatten, so dass die Vorstandsempfehlung reine Formsache war. „Ich bin zwar Optimist“, antwortet Zimmermann, befragt nach den Aussichten von Martin Fritz, „ich bin aber so realistisch, dass ich nicht davon ausgehe, dass er es in die Stichwahl schafft.“

Aber warum tritt er denn dann an? Die AfD will wissen, wie hoch ihr Marktwert ist und sieht die Wahl als „Fieberthermometer“. Ob die Ergebnisse der Wahlen vergleichbar sind, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Am 13. September ist eine dramatisch geringe Wahlbeteiligung zu befürchten, weil zwar das wichtigste Amt der Stadt, aber eben nur eine Position und nicht ein kompletter Stadtrat zur Wahl steht.

Für Zimmermann und Fritz ist es außerdem eine Selbstverständlichkeit, dass eine Partei, die das Wort „Alternative“ im Namen trägt, auch einen Kandidaten aufstellt. „Das sind wir unseren fast 6000 Wählern bei der Kommunalwahl auch schuldig“, sagt Fritz, der vor allem auch eine Alternative für die Unentschlossenen und Verdrossenen bieten will. Zimmermann sieht in der Kandidatur auch eine gute Möglichkeit, die Ziele der AfD bekannter zu machen. „Bei Diskussionen sitzen dann nicht mehr nur zwei, sondern drei Kandidaten auf dem Podium.“

Schwächt die AfD mit diesem Schritt nicht das bürgerliche Lager und fördert die Wahl von Ulrich Scholten (SPD)? Auch über diese Frage war im Frühjahr die AfD-Ratsfraktion zerbrochen. Das glaubt Zimmermann nicht. Er geht davon aus, dass weder Ulrich Scholten (SPD) noch Werner Oesterwind (CDU) im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erhalten und dann eine Stichwahl nötig wird, bei der das Spiel dann wieder offen ist.

Das es ein personeller, aber auch finanzieller Kraftakt wird, ist ihnen klar. „Ich weiß, was da auf mich zukommt und werde mich voll engagieren“, so der promovierte Unternehmer. 1956 ist er in Merseburg geboren und kam 1989 noch vor dem Fall der Mauer durch ein tschechisches Schlupfloch mit seiner damals hochschwangeren Frau in den Westen.

Für Politik hat er sich Jahre lang nicht interessiert, bis ihm klar wurde, dass Untätigkeit schädlich ist. Den frischen, unverbrauchten Blick, wertet Zimmermann als Pluspunkt. Mit Bernd Lucke, dessen Weckruf Fritz unterschrieb, fand er eine Identifikationsfigur, trat der AfD (Nummer 4570) bei und war auch auf dem Gründungsparteitag. Beim gegenwärtigen Konflikt in der AfD hofft er, dass sich die Vernunft durchsetzt. Wichtig ist ihm, dass die Spielregeln eingehalten werden und sich die Konfliktparteien achten und ehren. „Aus dem Meinungsstreit wächst die Erkenntnis“, weiß er und hat in der DDR auch gesehen, was es bedeute,wenn nur eine Meinung existiert.

Fritz bedauert, dass sich viel zu wenig für Kommunalpolitik interessieren und auch das Ausmaß der finanziellen Probleme nicht kennen. „Weil es nicht weh getan hat“, wie er sagt. Bei Bekannten mache er immer den Test: Wisst ihr, wie hoch die Pro-Kopf-Verschuldung ist oder der Nahverkehr jedes Jahr kostet.

Auch vom Naturell her ist Fritz ein Gegenpol zu den beiden offen und verbindlich wirkenden OB-Kandidaten. Er gilt als fleißig, aber auch als grimmig, kleinkariert und stur, der nur schwer über seinen Schatten springen kann.