Der Turm mit der offenen Tür

Der Wind weht kalt an diesem Nachmittag, es dämmert schon leicht. Eine besondere Stimmung für einen besonderen Ort. Auch auf dem Kahlenberg hat der Ela-Sturm ordentlich gewütet. Aber der Turm steht - standfest wie eh und je. Trutzig und fest - so hätte man vor hundert Jahren auch den Mann charakterisiert, nach dem der Turm benannt worden ist: Otto von Bismarck. Auch heute wird noch an den Reichskanzler erinnert - vor 200 Jahren wurde er geboren - , allerdings ganz anders. Längst ist der Mythos verblasst, es gibt keine patriotischen Feiern mehr, die am Turm veranstaltet werden. Der deutschnationale Zeitgeist von einst ist längst nur noch Geschichte.

Aber den Bismarckturm gibt es immer noch. Heute ist er kein nationales Symbol mehr, sondern in erster Linie ein Ausflugsziel. Auch in der Neujahrsnacht. Noch immer stehen einige leere Sektflaschen vor dem Turmportal, abgeschossene Knaller liegen ebenfalls im Gras. Die Leute glauben wohl, dass ich den Dreck wegmache, sagt Jochen Leyendecker. Doch glücklicherweise hinterlassen die meisten Gäste keinen Müll. Dass überhaupt Menschen den Turm besuchen und die gut 30 Meter hinauf steigen können, um die Aussicht in das Ruhrtal zu genießen, ist in der Tat Leyendeckers Verdienst.

Seit 1998 hat der Bildhauer dort sein Atelier und sorgt gleichzeitig dafür, dass der Turm besichtigt werden kann. Täglich - nur nicht im Winter. Denn bis März macht Leyendecker Pause. Es ist nämlich kalt in dem Gemäuer. Nur eine Rotlichtlampe sorgt dort im Moment für etwas Wärme.

Es gibt so etwas wie einen Bismarckturm-Tourismus, erläutert Leyendecker. I ch hatte schon Besucher aus ganz Deutschland. Manche fahren von Turm zu Turm. Und natürlich kann Leyendecker auch etwas über die Geschichte des Bauwerkes erzählen. Es ist letztlich eine Geschichte über politisches Marketing. Heute würden Werbe-Strategen eine Kampagne in den Sozialen Netzwerken starten. Bilder, Filme und Posts würden über Facebook, Twitter und Co in die Öffentlichkeit befördert. Vor hundert Jahren sah die Methode anders aus. Damals wurde gebaut. Und zwar nicht vom Staat, auch der Kaiser steckte nicht dahinter - der Bismarckturm ist das Ergebnis einer Bürgerinitiative, allerdings einer ganz speziellen. Bismarck war 1898 gestorben, Reichskanzler war er da schon seit acht Jahren nicht mehr. Der junge Kaiser Wilhelm II. hatte den greisen Kanzler entlassen. Aber auch im Ruhestand übte er noch eine politische Wirkung aus. Es entwickelte sich ein Bismarck-Mythos, der „Reichsgründer“ wurde zur Ideal-Verkörperung des „großen Mannes, der Geschichte macht“. Überall im Land wurden Denkmäler oder eben Türme errichtet.

Und auch in Mülheim wollte man nicht zurückstehen: Vor allem das Bürgertum wollte das, erklärt Jochen Leyendecker. Hauptinitiator vor Ort war der Arzt Johann Hermann Leonhard, der mit Margarete Stinnes aus der berühmten Industriellen-Familie verheiratet war. Aus ihrem Vermögen werden auch heute noch durch die Leonhard-Stinnes-Stiftung viele Projekte in der Stadt gefördert. 1909 war es der Bismarck-Turm. Gerade für das wirtschaftliche erfolgreiche Bürgertum war Bismarck damals durchaus ein Symbol für Fortschritt und Entwicklung, das von ihm gegründete Kaiserreich hatte sich bis zur Jahrhundertwende zur stärksten Wirtschaftsmacht Europas entwickelt. Der Turm sollte dieses Selbstbewusstsein ausdrücken. Der Oberbürgermeister ist vorher mit der Feuerwehr herumgefahren, um einen passenden Standort zu finden. Die Leiter wurde ausgefahren und dann wurde die Qualität der Aussicht überprüft, erläutert Jochen Leyendecker. Die Marketing-Strategie ging damals auf.

Und auch heute ist der Turm Teil von Öffentlichkeitsarbeit: Dank der regelmäßigen Besuche ist Leyendeckers Arbeitsraum zu einem Atelier der offenen Tür geworden. Und es gibt Ausstellungen. Natürlich mit den Arbeiten von Leyendecker selbst. Aber der Bismarckturm hat als Inspirationsquelle in den vergangenen 17 Jahren auch schon anderen gedient.

Es haben schon Abschlussklassen der Kölner und der Düsseldorfer Kunsthochschule hier Arbeiten ausgestellt, die alle etwas mit dem Thema ,Turm’ zu tun hatten. Deswegen steht für Jochen Leyendecker auch fest: D as ist kein Elfenbeinturm.