Der Sonntag sollte heilig bleiben

Weihbischof Franz Grave ist jetzt „an der Basis“, in der Pfarrei St. Mariae Geburt in Mülheim-Mitte, tätig.
Weihbischof Franz Grave ist jetzt „an der Basis“, in der Pfarrei St. Mariae Geburt in Mülheim-Mitte, tätig.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Am Gottesdienst-Termin liegt es nicht, dass die Kirche spärlich besucht ist, meinen BibelforscherUlrich Kellermann und Weihbischof Franz Grave. Sie haben auch festgestellt: Der Glaube wird heute verborgener gelebt.

Mülheim.. Was wird Pfingsten eigentlich gefeiert? Viele Menschen wissen das nicht (mehr). Das Interesse an der Kirche nimmt weiter ab, sogar der traditionelle Gottesdienst am Sonntagvormittag wird vielerorts nur spärlich besucht. Wir sprachen darüber mit dem emeritierten Weihbischof Franz Grave und dem Pfarrer/ Professor i. R. Ulrich Kellermann.

Präses Annette Kurschus hat laut darüber nachgedacht, ob man Alternativen für den Sonntag braucht . . .

Franz Grave: Bei uns in St. Mariae Geburt gibt es bereits täglich um 9 Uhr einen Gottesdienst und sonntags sogar zwei, um 8.30 und um 11.30 Uhr. Frau Kurschus spricht aus pastoraler Sorge, sucht nach Wegen, um näher an die Menschen heranzukommen. Man muss aber vorsichtig sein. Es gibt grundlegende Dinge, die unverzichtbar sind. Der Sonntag ist für die Christen d-e-r Feiertag der Woche und zugleich ein Kulturgut.

Ulrich Kellermann: Dass die Leute sonntags ausschlafen wollen und deshalb nicht kommen, das glaube ich nicht. In vielen ev. Gemeinden sind schon Gottesdienste an Werktagen angeboten worden, die meisten sind wieder ,eingegangen’. Weil nur die kamen, die auch sonntags immer da sind -- und keine neuen Kirchgänger. Ich fände es taktisch unklug, den Sonntagvormittag wegzulassen. Da würde man alle die verprellen, die immer noch treu kommen, und das sind ja gar nicht so wenige.

Welche Bedeutung hat der Sonntag für die Christen/die Gesellschaft?

Kellermann: Es ist die wöchentliche Feier der Auferstehung Jesus’. Es ist Christenpflicht, für alle Menschen stellvertretend an diesem Tag Gott zu loben und für die Welt zu beten – in der Gemeinschaft.
Grave: Der Sonntag ist ein Osterfest im Kleinen. Neben dem kirchlichen gebe es aber einen kulturellen Aspekt. Der Sonntag ist ein arbeitsfrei. Der Tag, an dem der Mensch Ruhe finden und sich erholen sollte. Er braucht Ruhe, aber er benötigt auch geistig-religiöse Ermutigung – und die findet er im gemeinsamen Gottesdienst.

Glauben die Menschen nicht mehr?

Grave: Der Glaube vieler Menschen ist heute verborgener, sie haben aber das heimliche Verlangen nach Gott.

Kellermann: Doch, jeder Mensch hat religiöse Gefühle. Man kann auch ohne Kirche glauben, aber nicht, ohne die Bibel zu lesen. Und auf Dauer auch nicht, ohne im Gottesdienst Gemeinschaft zu erfahren

Halten die Menschen Regeln und Rituale der Kirche für überholt?

Grave: Ich sehe da momentan eher eine leichte Tendenz in die andere Richtung. Viele entdecken immer mehr den Sinn der Rituale und christlichen Symbole, haben Freude an liturgischen Zeichen.
Kellermann: Nein, das sieht man zum Beispiel daran, dass Taufen sehr begehrt sind. Junge Eltern suchen die religiöse Basis für ihr Kind. Es wäre gut, wenn es der Kirche gelänge, diese jungen Familien wieder fester an die Kirche zu binden.

Muss sich der Gottesdienst verändern, um mehr Leute zu erreichen?

Grave: Im Kern ist der kath. Gottesdienst unveränderbar. Gesang und Gebete aber sollte man den Empfindungen der Menschen anpassen. In den Fürbitten z.B. müssen die Anliegen der Menschen vorkommen.
Kellermann: Die Kirche muss das Evangelium zu den Menschen bringen. Die sind heute aber sensationsverwöhnt, mit dem Normalen oft nicht zufrieden. Zu Happenings gehen sie. Beim Pfingstgottesdienst in der Freilichtbühne z.B. werden viele sein. Auch Bequemlichkeit spielt eine Rolle, die Einschaltquoten der TV-Gottesdienste sind groß. Ich plädiere ja trotz der notwendigen Kirchenschließungen für Gottesdienste auch in kleinen Stadtteilen, z.B. in angemieteten Ladenlokalen. Aber: Die Gemeinden können einfach nicht immer Happenings anbieten.

Wie muss Kirche künftig agieren?

Kellermann: Sie sollte sich mehr darauf konzentrieren, das Evangelium zu verkünden, nicht soviel nebenher machen. Sie müsste auch mehr Pionierarbeit leisten, so wie es beim Mülheimer Hospiz geschehen ist. Wir brauchen in der ev. Kirche auch mehr charismatische Prediger und das Gefühl, eine Familie zu sein.

Grave: Die Kirche muss dialogfreudig sein. Sie muss im Gespräch mit dem Einzelnen, die Fragen, die die Leute bewegen, erkennen. Das ist mühsam, ich wünschte, es ginge schneller. Aber so können wir ein Feuer entfachen, das ansteckend ist.