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Der Künstler als Chronist seiner Zeit

22.01.2015 | 23:00 Uhr
Der Künstler als Chronist seiner Zeit
„Maria mit den offenen Haaren“: Jan van Eyck malte das Bild im 15. Jahrhundert, Dorothee Golz holte es in die Gegenwart und Olaf Neumann ins Jetzt.Foto: Neumann

Bei der Schwarmkunst von Olaf Neumann werden die Besucher im Mülheimer Kunstmuseum zu Assistenten des Künstlers. Über 60 Kunstfreunde posieren vor ihrem Lieblingsbild.

Im Zeitalter des Internets spielt der Schwarm eine zunehmende Bedeutung. Über Facebook und Whats-App stehen sie mit ihrem virtuellen Freundeskreis in Kontakt, der gleichzeitig als Wissenspool gilt, wenn man eine Frage hat oder man trägt das kollektive Wissen gleich bei Wikipedia zusammen. Auch Kunst geht in der Gemeinschaft. Dabei reicht es auch nicht, dass nur mehrere Tausend Nackedeis als Statisten für ein Foto an einem bestimmten Ort zusammen kommen. Bei dem Blogger und Comic-Zeichner Olaf Neumann, der zu den Begründern der Schwarmkunst gehört, sind die Menschen, die auf das Bild kommen, nicht einfach Masse, sondern ein kreatives Potenzial, die mit ihren Ideen und Impulsen die Arbeit des 49-Jährigen beeinflussen. „Die Angst des Künstlers vor der weißen Leinwand kenne ich deshalb nicht“, sagt Neumann.

Identifikation mit dem Museum

So entstand erst im Laufe der Arbeit die Idee, auf der Fassade des Kunstmuseums wie ein Puzzle wohl an die 50 000 Fotos zu arrangieren. Dabei half ihm zwar eine Computersoftware, doch musste er jedes Bild anfassen. Bei der Arbeit wurde dem Schwarmkünstler die hohe Identifikation der Besucher mit dem Haus deutlich. Von den über 60 Teilnehmern erwartete er eine doppelte Entscheidung. Einmal sollten sie sich aus der Dauerausstellung ihr Lieblingsbild aussuchen. Zusammen mit seiner visuellen Signatur, einem bunten Hündchen auf einem Podest, sollten sich die Teilnehmer selbst vor dem Werk in Szene setzen.

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Vogelschwärme koordinieren ihren Flug, Ameisen finden den schnellsten Weg - Schwarmintelligenz nennt man ein Phänomen, dass wir alle zusammen häufig klüger sind als ein einzelner Experte. Das ist das Thema des Eröffnungsvortrages von Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen. Die promovierte Philosophin aus Bielefeld, die kurzweilig und anschaulich vorträgt, ist in Mülheim geboren. Auch Neumann hat die ersten sechs Jahre in Mülheim verbracht. Die Ausstellung wird am Sonntag 11.30 Uhr eröffnet. Am Mittwoch,4. Februar, ist Neumann um 15 Uhr bei Kunst & Kaffee zu Gast. Das Scharmkunstwerk kommt später ins Museumsfoyer.

Beeindruckt zeigt er sich von einer Besucherin, die genau wusste, welches Bild ihr Favorit ist und auch genau wusste, was sie tat: Vor dem Bild „Maria mit den offenen Haar“ von Dorothee Golz. Es ist der Kopf des Renaissance-Gemäldes von Jan van Eyck aus dem frühen 15. Jahrhundert, den die Mülheimer Künstlerin hier auf den Körper einer zeitgenössichen Frauenfigur gesetzt hat. Die Besucherin drehte Neumann den Rücken zu und löste ihr Haar, das sie zuvor zu einem Zopf geknotet hatte. So sind nun auf dem Foto drei unterschiedliche Zeitebenen versammelt.

In einem weiteren Arbeitsschritt fertigte Neumann von 18 Fotos aus größere Pastellzeichnungen in fotorealistischer Detailgenauigkeit an. Auch hier war Golz eine großere Herausforderung, weil er auch die Lichtreflexionen des verglasten Werkes berücksichtigen musste. Das lange, lockige Haar, das im Licht unterschiedlich schimmert, war da reine Fleißarbeit. Fotos und die dazugehörenden Pastelle sind im Grafikraum des Museums im ersten Stock zu sehen. Die Fotos wirken so wie ein Making of der Bildentwicklung.

Museumsleiterin Beate Reese, die Neumann im vergangenen Jahr auf der Essener Messe für Contemporary Art kennengelernt hat, ist überrascht, welche Präferenzen die Besucher gesetzt haben. Dass ein Kind sich etwa für ein kompliziertes abstraktes Werk entschieden hat, hätte sie nicht gedacht. Feininger kommt häufiger vor, für Reese überraschend auch der späte Campendonk, eben nicht nur klassische Moderne. Reese weiß aber auch, dass diese Form der Kunst auch einen ganz anderen Personenkreis ansprechen kann, von denen eben viele auch nicht zu den klassischen Museumsgängern zählen. Aber sie könnten es ja auch später einmal werden.

Angefangen hat Neumann mit der Schwarmkunst in der spanischen Abgeschiedenheit, als sein Laptop der einzige Kontakt zur Außenwelt war. Er hatte die Idee, jeden Tag ein Bild, das auf der Grundlage der aktuellen Schlagzeile der Bildzeitung ins Netz zu stellen. Irgendwann wurde dann die Seite durch das Schneeball-Prinzip des Internets 15 000 Mal am Tag aufgerufen.

Aber nicht nur das. Er erhielt eine Fülle von Kommentaren. Von vielen regelmäßig, von einigen sogar täglich. Sie nannten ihm die Schlagzeilen und gaben ihm Tipps für die Umsetzung. Da merkte er, dass die Menschen Kunst auch befruchten können. Er konnte das auch zulassen und merkte, dass ein Künstler auch bei der Wahl seiner Mittel „ein Chronist seiner Zeit“ ist.
Dann setzte er gezielt auf Mitarbeit. Die Aufgabe für das Foto: Das Haus brennt, du kannst einen Gegenstand retten. Welchen?

Steffen Tost

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Der Künstler als Chronist seiner Zeit
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2015-01-22 23:00
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