Der heiße Draht

„Wir erleben, was die digitale Wirtschaft angeht, gerade eine neue industrielle Revolution.“ Hans Krupp, Vorsitzender der Mülheimer Mittelstandsvereinigung, bringt gleich zu Beginn des traditionellen „Talks im Schloss“ das Thema des Abends auf den Punkt. Wer sein Unternehmen nicht auf die digitale Entwicklung hin anpasst, koppelt sich langfristig von der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt ab. Das gilt nicht nur für die Großindustrie, sondern auch für den Mittelstand. Was das im Einzelfall bedeuten kann, wurde in einer lebhaften Diskussion deutlich, in der sich viele Praktiker aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern zu Wort meldeten.

Zentraler Standortfaktor

Ausgangspunkt für die Debatte war eine Umfrage, die die Wirtschaftsförderung unter den Mülheimer Unternehmen zur Qualität der Internetanschlüsse durchgeführt hat. Mit einem verheerenden Ergebnis: Von 260 Unternehmen sind 160 nicht mit der Internetverfügbarkeit zufrieden. Für Wirtschaftsförderer Jürgen Schnitzmeier wird die Internetverfügbarkeit zu einem zentralen Standortfaktor.

Mit welchen Problemen man im Alltag zu kämpfen hat, berichtete Hans-Florian Schuster, Junior-Chef des gleichnamigen Vermessungsbüros. Ihm geht es nicht nur darum, dass ein hohes Datenvolumen versendet werden kann, mindestens genauso wichtig ist für ihn Verlässlichkeit. „Wir arbeiten viel mit Architekten zusammen. Oft werden zu Sitzungen Baupläne elektronisch verschickt. Die müssen natürlich pünktlich ankommen. Da führt es zu Problemen, wenn am Morgen für einige Zeit das Netz ausfällt.“ Ein anderer Punkt: Die Größe 50 Megabit sei vor allem auf Privatnutzer ausgerichtet, die im Netz surfen und Daten herunterladen. „Wir verschicken aber zum Beispiel Luftbildaufnahmen und laden ein hohes Datenvolumen hoch.“ Für diese Arbeitsvorgänge sei wiederum eine andere Breitband-Struktur notwendig. Schließlich übte sich Schuster ein wenig in Galgenhumor: „Im Ruhrgebiet brauchen wir keine besondere Breitbandversorgung, die IT-Unternehmen liegen doch alle im Süden.“ Was er meint: In Süddeutschland gibt es mehr Absolventen in IT-Fächern, entsprechend mehr Unternehmen werden dort gegründet. Das prägt dort auch den Lebensstil. „Für richtige ,Digital Natives’ ist es wichtig, dass das ganze Umfeld positiv der digitalen Entwicklung gegenüber steht.“ Dazu gehöre etwa auch öffentliches W-Lan. Durch solche Faktoren werde ein Standort für IT-Fachkräfte attraktiv. Schuster selbst hat schon erlebt, wie Mitarbeiter von ihm nach Süddeutschland abgeworben worden sind.

Gemeinsames W-Lan

Aber es gibt auch Chancen. Solche Perspektiven zeigte Klaus Boving, Geschäftsführer von Enerson Telekommunikation, auf. „Es gibt Städte, da haben sich mehrere Einzelhändler an einer Straße zusammengetan und bieten gemeinsam ein W-Lan an. Dadurch ergeben sich auch neue Werbepotenziale.“ Boving plant, auch in Mülheim ein solches Projekt durchzuführen - an der Düsseldorfer Straße in Saarn. Die Vorbereitungen dazu laufen.

Kooperation ist auch ein Thema für Unternehmen in den Gewerbegebieten. Eine Möglichkeit besteht darin, dass sich mehrere Unternehmen zusammentun und gemeinsam einen Anschluss mit größerer Bandbreite nutzen. Allerdings besteht hier bei einigen Anbietern noch Skepsis, wie die Reaktion eines Vertreters von Unitymedia zeigte. Oftmals hätten Unternehmer die Vorstellungen, solche Geschäftsanschlüsse könnten zu ähnlich günstigen Tarifen wie Privatanschlüsse erworben werden. „Das gibt es aber nicht für 19,90 Euro.“ Und auch die rechtliche Lage ist unklar. Etwa ob ein Unternehmen, dass den neuen Anschluss bezahlt hat, diesen von anderen anzapfen lassen kann und von denen dann Geld verlangt. Es gibt noch viel Gesprächsbedarf.