Der Druck auf Eltern wächst

Als der Verein Donum Vitae („Geschenk des Lebens“) vor 15 Jahren die Lücke schloss, die die katholische Kirche mit ihrem Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung hinterlassen hatte, war die Pränataldiagnostik noch kein Thema. Doch seit etwa acht Jahren drehen sich Beratungsgespräche, die meistens nur mit werdenden Müttern und nur selten mit werdenden Elternpaaren geführt werden, auch um die Frage: „Wie reagiere ich oder wie reagieren wir auf eine vorgeburtliche Diagnose, nach der unser Kind höchstwahrscheinlich mit einer geistigen Behinderung zur Welt kommt. Etwa mit Trisomie 21, auch bekannt als Down Syndrom?“

Bis 2012 gab es nur die Möglichkeit, mit einer Fruchtwasseruntersuchung ab der 14. Schwangerschaftswoche genetische Defekte des werdenden Kindes festzustellen, allerdings mit dem erhöhten Risiko einer Fehlgeburt. 2012 kam dann ein Bluttest auf den Markt, mit dem man entsprechende genetische Defekte risikolos und bereits ab der zehnten Schwangerschaftswoche feststellen kann. Dieser Bluttest muss noch mit 400 bis 600 Euro von den Betroffenen selbst bezahlt werden, soll aber in absehbarer Zeit vom dafür zuständigen Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden.

„Dieser medizinische Fortschritt ist ein Segen und eine Qual, denn er stürzt werdende Eltern in ein moralisches Dilemma, das sich nicht auflösen lässt“, findet Donum Vitae-Beraterin Ulla Höhne. Positiv findet sie mit Blick auf den neuen Bluttest, dass er für die betroffenen Frauen risikofrei und nicht so traumatisch wie ein später Schwangerschaftsabbruch nach einer Fruchtwasseruntersuchung sei. Auf der anderen Seite bleibe die moralisch eigentlich gar nicht zu beantwortende Frage nach Leben und Tod eines Kindes. „Manche Frauen, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken, sprechen das in der Beratung ganz offen aus und sagen mir: Ich bringe mein Kind dann um“, berichtet Höhne.

Drängende Fragen

Sie und die Vorsitzende des Donum Vitae-Trägervereins, Ute Backhaus, sehen werdende Eltern im Allgemeinen und werdende Eltern behinderter Kinder im Besondern unter einem verstärkten gesellschaftlichen Druck. „Wir leben heute leider in einer Schneller-Höher-Weiter-Gesellschaft, in der sich Eltern verstärkt fragen: Kann mein Kind da mithalten? Kann ich damit leben und kann ich das meinem sozialen Umfeld zumuten?“, sagt Höhne. Dabei kennen Backhaus und Höhne aus ihrer Alltags- und Beratungspraxis viele Eltern, die sich für ein Kind mit Behinderung entschieden haben und damit sehr glücklich sind. Deshalb vermitteln sie Klienten, die aufgrund einer drohenden Behinderung ihres Kindes über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken, den Kotakt zu Eltern behinderter Kinder. Gerne denkt Backhaus an einen freundlichen und lebensfrohen jungen Mann mit Down Syndrom, der inzwischen in einer betreuten Wohnung lebt und auch beruflich mit beiden Beinen im Leben steht. „Auch ein behindertes Kind werden Sie lieben, wenn Sie es erst mal im Arm halten und auch das Leben mit einem behinderten Kind ist nicht nur furchtbar, sondern auch schön“, sagt Höhne manchmal in Beratungsgesprächen.

Hinweise auf Hilfsangebote

Sie weist immer darauf hin, „dass Eltern sowohl mit einem behinderten Kind, als auch mit der Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruches leben können müssen.“ Deshalb gehört für sie immer auch der Hinweis auf Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten zur Schwangerschaftskonfliktberatung, auch dann wenn es nicht um eine drohende Behinderung, sondern um die grundsätzliche Frage geht: „Kann ich mir in meiner Lebensituation überhaupt ein Kind leisten?“ Für Backhaus steht fest, „dass unsere Gesellschaft noch eindimensionaler leistungsorientiert und damit menschlich ärmer würde“, wenn aufgrund der Fortschritte der pränatalen Diagnostik in Zukunft immer weniger behinderte Kinder zur Welt kämen. „Für unser Sozialverhalten ist es wichtig, auch am Beispiel behinderter Kinder zu erleben, dass jeder Mensch anders und die Welt bunt ist“, unterstreicht Beraterin Ulla Höhne.