Dem Terror zum Trotz - Mülheimer Schulen lehren Toleranz

Schüler der Realschule Stadtmitte bekundeten am Freitag ihre Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge von Paris.
Schüler der Realschule Stadtmitte bekundeten am Freitag ihre Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge von Paris.
Foto: Lars Fröhlich
Was wir bereits wissen
Die Attentate von Paris, die Pegida-Demos: Mülheimer Lehrer berichten davon, wie sie diese schwierigen Themen in den Unterricht einbringen.

Mülheim.. Wie ist der Umgang an Mülheimer Schulen mit Themen wie Pegida, Islamischer Staat, Salafismus und den jüngsten Terrorakten? Gibt es Konflikte unter Schülern unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens? Die WAZ fragte nach.

„Islamfeindlichkeit ist bei uns überhaupt kein Thema“, sagt die Schulleiterin der Hauptschule am Hexbachtal, Ulrike Nixdorff. „Wir unterrichten gut 500 Schüler aus 26 Nationen, aller Hautfarben und Religionen, und zudem 85 Schüler mit Behinderungen. Sie alle benehmen sich friedlich“, so die Lehrerin. Toleranz werde groß geschrieben. Im Unterricht werde über tagesaktuelle Themen, wie die jüngsten Vorfälle in Frankreich, gesprochen. Kirchen- oder Moschee-Besuche fänden statt und ein ehemaliger Lehrer fungiere als Kontaktperson zu einer muslimischen Gemeinde. „Wenn wir Fragen haben, können wir uns immer an ihn wenden“, so die Pädagogin.

„Vielfalt und Toleranz gehen bei uns Hand in Hand“, sagt auch Ingrid Lürig, Schulleiterin der Willy-Brandt-Gesamtschule in Styrum. „Bei uns ist das Thema Islam seit der Schulgründung präsent.“ Mindestens 300 Jugendliche mit Migrationshintergrund aus 44 Nationen seien unter den 1000 Schülern. Das sei eine gute Durchmischung; die Jugendlichen seien an Mitschüler anderen Glaubens gewöhnt. Es gebe Schüler aus konservativen und weniger konservativen Familien, einige Mädchen mit Kopftuch, und viele kritisch denkende Schüler, bei denen man merke, dass sie in Deutschland aufgewachsen sind.

"Salafismus entsteht durch Unwissenheit"

Themen wie Salafismus, Islamischer Staat oder Pegida würden von den Kollegen in Fächern wie Religion, Islamkunde, Philosophie oder Gesellschaftslehre aufgegriffen. Die Attentate in Frankreich hätten die Schule übrigens nicht so gelähmt wie der Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001. „Damals hatten die Schüler wirklich Angst.“

Hosniya Aycicek unterrichtet an der Gesamtschule neben Mathematik und Biologie seit einem halben Jahr auch Islamkunde, und zwar in zwei Kursen. Sie legt Wert auf Aufklärung und Diskussion. „Ich habe die Schüler nach den Attentaten gefragt, wie sie darüber denken.“ Alle hätten sich sofort von den Taten distanziert, für Meinungs- und Pressefreiheit plädiert.

Ein Schüler habe die Zeichnungen als Provokation empfunden und gesagt, dass die Opfer auch ein wenig selbst Schuld seien. Seine Mitschüler aber hätten ihn mit Argumenten eines Besseren belehrt. „Sehr vieles, wie auch der Salafismus, entsteht durch Unwissenheit“, so die Islamkundlerin. Dem setze sie Information, auch aus der Religionsgeschichte und dem Leben des Propheten, entgegen. „Es ist sehr wichtig, sich Wissen anzueignen, um gegen Vorurteile zu kämpfen.“

"Schule gegen Rassismus"

Die Lehrerfortbildung der Willy-Brandt-Schule, die im Übrigen das Siegel „Schule gegen Rassismus“ erhalten hat und eine Internationale Förderklasse für ausländische Kinder betreibt, findet in diesem Jahr in der „Ditib“-Moschee in Duisburg-Marxloh statt. Ein Islamwissenschaftler beantwortet Fragen und führt die Lehrer durch die Moschee.

Auch das Gymnasium Broich ist „Schule gegen Rassismus“ und bietet Projekte und Arbeitsgemeinschaften zum Thema an. Jugendliche aus Syrien werden in einer Seiteneinsteigergruppe unterrichtet. „Dadurch sind wir und unsere Schüler noch einmal besonders sensibilisiert“, sagt Schulleiter Ralf Metzing. In den Französischunterricht seien die Verbrechen in Frankreich direkt eingeflossen und auch im Geschichts- und Politikunterricht werde der ganze Themenkreis natürlich behandelt. „Die Schüler sind mit großem Interesse dabei und insgesamt sehr gut informiert“, findet der Schulleiter.

Die Behandlung politischer Themen, so sagt Miriam Löbbert, 2. Schulsprecherin der Realschule Stadtmitte, habe in ihren fünf Schuljahren stark zugenommen. So zum Beispiel im Politikunterricht: „Da müssen jede Woche zwei andere Schüler zu Beginn der Stunde aktuelle Geschehnisse für die Klasse zusammenzufassen“, erzählt die 16-Jährige. Danach werde diskutiert.

Schüler zeigen Solidarität

Miriam Löbbert und Christopher Hake, 1. Schülersprecher, haben am Freitag teilgenommen an einer Aktion, die ein Zeichen setzten sollte gegen die Attentate in Frankreich. Fast alle 600 Schüler hatten sich auf dem Schulhof mit vielsprachigen „Ich bin Charlie“-Plakaten und anderen künstlerischen Umsetzungen zu einer Schweigeminute versammelt. Für das Kollegium und die Schüler eine berührende Situation, so Sabine Dilbat, neue Leiterin der Realschule. „Ich hatte am Wochenende schon das Bedürfnis, zu reagieren“, sagt sie. Dann sei auch Französischkollegin Gaelle Mazan mit dem Wunsch auf sie zugekommen – und so wurde der Plan fächerübergreifend in die Tat umgesetzt.

„Wir waren von Anfang an gut informiert und haben alle Ereignisse privat und in der Schule verfolgt“, sagt Miriam Löbbert. „Bei uns in der Klasse fanden alle die Aktion gut“, auch wenn einige keine Lust hatten, teilzunehmen. Christopher Hake weiß, dass unterschiedlicher Glaube an der Schule respektiert wird. „Hier gehen Streitigkeiten unter Schülern nicht übers Normale hinaus“, meint der 15-Jährige.

Islamkunde wird an der Realschule nicht unterrichtet, aber praktische Philosophie, die Susanne Dieker bewusst religionsneutral gestaltet. An dem Unterricht nehmen überwiegend Schüler muslimischen Glaubens teil. „Wir suchen Antworten, die für alle Menschen gelten. Philosophie ist eine Denkschule, religiöse Konflikte spielen darin keine Rolle“, so die Lehrerin.