Dem Populismus entgegentreten

Pegida treibt Inamaria Wronka um. Intensiv hat sich die MIT-Sprecherin mit der Bewegung auseinandergesetzt – und steht dennoch immer noch voller Fragezeichen davor.

Wie schätzen Sie Pegida ein?

Die Leute hinter den Pegida-Demonstrationen sind ausländerfeindlich. Wenn ich an einer Veranstaltung teilnehme, die von solchen Leuten einberufen wurde, weiß ich, was ich da tue. Abgesehen davon: Viel von dem, was Pegida fordert, ist mir zu unspezifisch. In deren Thesenpapier steht nichts drin oder sie wiedersprechen sich. Einerseits wollen sie sich für sexuelle Mitbestimmung einsetzen; drei Punkte weiter steht: Den ganzen Gender-Mist wollen wir nicht.

Welche Gründe sehen Sie für diese Bewegung?

Viele Leute sind verunsichert – und das hat nichts mit dem Islam zu tun. Ihnen geht es nicht gut und die Suche nach einem Sündenbock scheint in unserer Geschichte verankert zu sein. Wenn es Menschen nicht gut geht, dann muss das thematisiert werden – rational. Die Idee, den Islam aus Deutschland zu verbannen, ist nicht rational und auch nicht reflektiert. In meinem Leben ändert sich nichts, wenn alle Muslime oder Journalisten ausgewiesen werden – weil sie keinen direkten Einfluss auf mein Leben haben. Es ändert nichts daran, dass ich etwa eine alleinerziehende Mutter mit Hartz IV bin und an die Grenzen dessen komme, was menschenwürdig ist. Wir müssen dem Populismus gemeinsam entgegentreten. Mich stören die Kommentare in Internet-Foren, die einfach unbewiesene Behauptungen verbreiten. Da, wo es Kriminalität und Verbrechen gibt, muss man die Mechanismen unseres Rechtsstaats anwenden. Es darf in meinem Land keine unterschiedliche Rechtsprechung geben, je nachdem, wie meine Religion oder Hautfarbe ist – und das in beide Richtungen.

Wird der Anschlag in Paris, aber auch der Terror des IS und von Boko Haram genutzt, um Rassismus zu legitimieren?

Es dient als Rechtfertigung, ja. Solche Verbrechen führen dazu, dass die Leute sich in ihren Thesen bestätigt fühlen. Natürlich gibt es überall, auch in unserer Stadt, Menschen, die sich radikalisieren können. Einen absoluten Schutz gibt es gegen den Terror nicht. Aber deswegen kann ich nicht in Angst leben. Muslime sind in ihrem Glauben so unterschiedlich wie es die Menschen in allen anderen Religionsgemeinschaften auch sind.

Wird Islam und Islamismus zu wenig differenziert?

Es wird grundsätzlich zu viel in einen Topf geworfen. Flüchtlinge sind nicht gleich Asylbewerber und Asylbewerber sind nicht gleich Moslems. Das Pauschalisieren ist eine Gefahr, und die muss man aufbrechen. Da nehme ich die Moscheevereine und islamischen Gemeinden in die Pflicht, sich zu öffnen. Allerdings muss es dann auch angenommen werden: Beim letzten Tag der offenen Moschee war genau ein Besucher da. Alle müssen eine Schwelle überschreiten. Die permanente Rechtfertigung, die von Muslimen gefordert wird, halte ich übrigens für Quatsch. Nach dem Breivik-Attentat in Norwegen musste sich auch kein Christ dafür entschuldigen.

Was wünschen Sie sich?

Mehr Gelassenheit, Toleranz und Solidarität. Wir dürfen keinen Keil zwischen uns treiben lassen. Unsere Realität verändert sich, unsere Gesellschaft ist heute bunter. Darauf muss man sich einstellen und es als Chance begreifen.