„De mölmsche Zoch kütt“ – von wegen!

Regen, mehr aber war nicht am Montagmittag. Doch eine Sturmwarnung hatte dazu geführt, dass der Rosenmontagszug abgesagt werden musste.
Regen, mehr aber war nicht am Montagmittag. Doch eine Sturmwarnung hatte dazu geführt, dass der Rosenmontagszug abgesagt werden musste.
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Was wir bereits wissen
Wegen einer Sturmwarnung wurde der Mülheimer Rosenmontagszug abgesagt. Ob er nachgeholt wird, ist unklar. Der finanzielle Schaden ist immens.

Mülheim.. Montag, 14.11 Uhr: Es ist leer auf der Kaiserstraße. Keine Spur von all den Narren, die doch jetzt eigentlich den feschen Karnevalisten auf ihren schmucken Wagen zujubeln und lauthals nach Kamelle verlangen sollten. Kein einziges Helau – aber auch kein Regen. Kein Wind. Sondern blauer Himmel. Am Morgen hatte man sich wegen einer Sturmwarnung entschieden, den Mülheimer Rosenmontagszug abzusagen – am Mittag und Abend fragte sich manch einer: Warum eigentlich?

Hans Klingels, Geschäftsführer des Hauptausschusses (HA) Groß-Mülheimer Karneval, gehört nicht zu denen, die die Entscheidung anzweifeln: „Sicherheit geht vor.“ Seit Jahren zeichne sich der Mülheimer Karneval durch hohe Sicherheitsstandards aus, „die konnten wir jetzt nicht einfach durchbrechen“, so Klingels, der seit 17 Jahren im jecken Treiben mitmischt. Nie in all der Zeit habe man eine Absage auch nur erwägen müssen, „nun hat es uns halt leider mal erwischt“.

Bernd Otto vom Ordnungsamt und Zugleiter Ulrich Pütz hatten am Morgen deutlich gemacht: „Der Deutsche Wetterdienst sagt ab 15 Uhr Böen zwischen Windstärke 8 und 10 voraus. Ab Windstärke 8 können wir den Zug nicht laufen lassen. Denn wenn wir die Menschen dann in die Innenstadt locken und es passiert etwas, sind wir in der Verantwortung.“

Enttäuschung und finanzieller Schaden

Die Enttäuschung ist das eine, der finanzielle Schaden das andere. Grob überschlagen rechnet Klingels mit einem Verlust von mindestens 10.000 Euro allein für den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval. Bier ist keines verkauft worden; Einnahmen also gab es nicht. Dafür fallen rund 3500 Euro an für die drei extra eingekauften Musikzüge, weitere 1000 Euro für die aus Holland herangeschafften Absperrungen, „und die Ordner bekommen im Schnitt 50 Euro“. Zwischen 150 und 170 Ordner waren insgesamt vorgesehen, mache noch mal locker 8000 Euro. Vielleicht aber, so hofft Klingels, könne man ja noch etwas verhandeln.

Und die Kamelle? Was mit all dem Süßkram wird, weiß der 65-Jährige noch nicht. Jeder der 25 Wagen hatte zwischen 500 und 1000 Kilo geladen, schätzt er, „und einiges ist leicht verderblich“. Das meiste stehe in persönlichem Eigentum – „also muss auch jeder Werfer selbst entscheiden, was mit seinem Wurfmaterial passiert“. Klingels selbst hatte rund 160 Kilo Süßes sowie 50 große Bälle und Plüschtiere besorgt, 250 Euro ausgegeben. „Ein bisschen was kriegen meine Enkel“, der Rest gehe wohl an Kitas oder Horte.

Die KG Düse will ihre Leckereien an Kindertagesstätten abgeben

Der Präsident der KG Düse, Maik Frehmann, und die Vorsitzende des Mülheimer Carnevals­clubs, Karin Richard, schätzen, dass die Mitglieder ihrer Gesellschaften jeweils 1500 Euro in ihr Wurfgut für den Rosenmontagszug investiert haben. Die KG Düse will ihre Leckereien an Kindertagesstätten abgeben. Der MCC-Vorstand will heute entscheiden, was aus seinen nicht geworfenen Kamellen werden soll.

„Sehr, sehr leid tun mir der Prinz und die Prinzessin“, sagt Hauptausschuss-Geschäftsführer Klingels. Die Regentschaft im Karneval könne man ja nur einmal übernehmen – „denen ist also etwas durch die Lappen gegangen, was ihnen keiner ersetzen kann“. Apropos Ersetzen: Wird der Zug vielleicht nachgeholt? Klingels ist da noch unsicher: „Das kann man theoretisch machen, doch da müssen wir erst alle Gesellschaften, alle Vorsitzenden fragen. Und ob die so begeistert sind, weiß ich nicht.“

Unterwegs mit dem Prinzenpaar

Was machen Prinzenpaare, wenn der Rosenmontagszug ausfällt? Julia & Markus und Chiara & Luka ziehen durch die Säle, eskortiert von ihrem närrischen Hofstaat.

Beim Rosenmontagsball der KG Blau Weiß werden sie um 14 Uhr im Altenhof von rund 200 Jecken empfangen und gefeiert. Das tut den Tollitäten gut, schließlich mussten sie am Morgen die Absage des Karnevalszugs verkraften. Und sie haben immer noch daran zu knabbern, Prinzessin Julia kämpft zeitweise mit den Tränen.

Die Tollitäten werden zu spontanen Jecken-Partys eingeladen

Doch die Stimmung steigt von Saal zu Saal, gemäß des Prinzenliedes „Es gibt nur Dur in Mülheim-Ruhr“! Offiziell gibt es an diesem Rosenmontag nur die beiden Rosenmontagsbälle der KG Blau Weiß und des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval. Aber die Tollitäten werden zu spontanen Jecken-Partys eingeladen.

Eine steigt vor dem Laden der Flüchtlingsinitiative Willkommen in Mülheim. Der Name ist Programm. Die Tollitäten werden von den Flüchtlingen herzlich willkommen geheißen und sofort in einen spontanen Tanzkreis integriert. Hier ein Selfi, da ein Selfi. Bitte, recht freundlich. Prinzessin Julia I. und Prinz Markus II. revanchieren sich mit etlichen Kisten voller kleiner Torten, die sie eigentlich von ihrem Rosenmontagswagen aus werfen wollten. Vor allem die Kinder sind begeistert.

„Das ist ja fast so schön, wie auf dem Rosenmontagswagen“

Das gilt auch für die Kleinen, die später bei der Karnevalsparty der KG Düse in der Styrumer Feldmannstiftung die Wurftechnik der Tollitäten testen, beim Indoor-Kamelle-Regen. „Das ist ja fast so schön, wie auf dem Rosenmontagswagen“, findet Prinz Markus II. 100 kleine und große Jecken wollen aber nicht nur Kamelle: „Wir wollen euch tanzen sehen. Wir wollen euch tanzen sehen!“

Related content Ähnlich stellt sich die Szenerie für die Tollitäten im Trainingsquartier des MCCs am Wenderfeld dar. 50 Narren, die meisten kostümiert, klatschen, jubeln und singen wie 500. Für die närrischen Regenten ist es wie das Bad in einer Fankurve. „Das ist unser Rosenmontagszug. Wir ziehen von einer Party zur nächsten“, freut sich Prinzessin Julia I., und lässt ihr Taschentuch stecken. Bevor es weiter geht zu den Mölmschen Houltköpp, die im Uerige Treff an der Wertgasse warten, bekommen die Tollitäten noch eine Wegzehrung (Frikadelle und Mettwurst) mit auf den Weg.

An der Wertgasse dann tatsächlich ein Hauch Rosenmontagszug: Kostümierte Jecken am Straßenrand, mitten auf der Straße spielt der Musikzug der Houltköpp: „Da sind wir dabei. Das ist prima.“ Und dann heißt es in der Gaststätte wieder; „Wir wollen euch tanzen sehen!“ Prinz Markus II. und Prinzessin Julia I. sind sich einig: „So einen emotionalen und mega-geilen Rosenmontag hat noch kein Prinzenpaar erlebt.“

Der erhoffte Umsatz blieb aus

An diesem Rosenmontag ist alles anders: In den Waliser Stuben läuft Karnevalsmusik. An den Lampen hängen Luftschlangen. Doch der Schankraum ist gähnend leer. Nur eine Hand voll Narren hat sich in der Kneipe eingefunden. Nicht nur die Wirte mussten nach der Absage des Karnevalszuges starke Umsatzeinbußen in Kauf nehmen.

Die Schnittchen, die das Team vom Schloß-Treff geschmiert hat, bleiben weitgehend unberührt. Die Aushilfe wird früher nach Hause geschickt. Die Sause bleibt aus. „Normalerweise kommen die Gäste vor und nach dem Zug zu uns. Dementsprechend haben wir eingekauft. Wir sind sehr enttäuscht“, sagt Kellnerin Nicole Resch. Auch Thomas Bott, Besitzer der Waliser Stuben, hat sich den Tag anders vorgestellt. „Am Rosenmontag machen wir normalerweise im Karneval das Hauptgeschäft.“

„Wenn die Leute was getrunken haben, essen sie gern Döner“

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Selvaranjan Swaminathan (36) vom Foodland nebenan war weniger optimistisch: „Einen großen Unterschied macht der Karneval eigentlich nicht.“ Die meisten Leute kämen als Toilettenkunden; „für uns ist es also besser, dass der Zug ausgefallen ist“. Hätte Heike Vahlefeld (57) genau das geahnt, wäre sie an diesem Tag nicht zu Foodland gegangen, sondern hätte ihren Laden, das Ballhaus Melody, geöffnet. „Mit einem Tanztee hätte ich sicher einigen eine Freude gemacht.“