Chinesische Irritationen

Es ist die größte Bestandsaufnahme der chinesischen Gegenwartskunst: 120 Künstler, 460 Werke in neun Museen in acht Städten - kurz China 8. Diese Zahl ist im Reich der Mitte eine Glückszahl und Museumschefin Beate Reese erhofft sich auch Fortune durch die Ausstellung, an der sich das Mülheimer Kunstmuseum unter dem Titel „Modelle der Irritation“ Installationen und Skulpturen beteiligt. Für die von der Brost-Stiftung und Evonik gesponserte Ausstellung wird intensiv geworben. Die schwarze Acht auf rotem Grund ist auf vielen Werbetafeln in der ganzen Region zu sehen. Es ist eine gute Werbung für ihr Haus, aber auch für die Stadt. Am Montag kamen anderthalb Dutzend Journalisten von überregionalen Medien. Was ihnen und den Besuchern der Ausstellung präsentiert wird, ist mal beklemmend, mal amüsant, aber immer beeindruckend. Und was mit der Kulturhauptstadt zaghaft begann, soll nun reiche Früchte tragen: Die Kooperation zwischen den Ruhrkunstmuseen. Dazu gehört neben einem gemeinsamen Katalog auch ein Kombi-Ticket für alle Ausstellungen sowie ein Bus-Shuttle, der die Häuser verbindet.

Documenta-Teilnehmer

Es sind Werke von Künstlern unterschiedlicher Generationen und unterschiedlicher Bekanntheit, die hier ausstellen: etwa der 1966 in Peking geborene Song Dong, der 2012 an der Documenta 13 teilnahm und bereits in Pariser Pompidou ebenfalls zu sehen war wie im New Yorker Museum of Modern Art oder der 1980 in Chicago geborene und in Hongkong lebende Adrian Wong. Oder der 1977 in Shanghai geborene Xu Zhen, der als Enfant Terrible der chinesischen Kunstszene gilt. Provozierend ist seine Serie Play. Wie Kirchtürme wirken die Skulpturen, die sich bei genauerer Betrachtung als Sex-Spielzeuge erweisen: Leder, Latex und Ketten die für japanische Bondage-Techniken benutzt werden. In Zeiten von 50 Shades of Grey dürfte das ein Schmunzeln hervorrufen. In einer Vitrine sieht man das Konterfeit des Künstlers, wie er, wohl vor Schreck die Hände vor den Mund hält. Was er in der Vitrine zusammengetragen hat, ist so etwas wie die Kulturgeschichte einer Geste, unabhängig von Kontinenten und Kulturen: von Adam & Eva über den Nationalsozialismus bis hin zum Zeitschriften-Cover über eine Protestaktionen.

Opfer der Kulturrevolution

Auf den ersten Blick glaubt man, im Foyer des Museums stünde ein alter Holzschrank. Doch an der Vorderseite leuchten Dioden und stecken Kabel. Da denkt man doch gleich an das Fräulein vom Amt. Doch diese „Operator“ genannte Arbeit von Song Dong ist nicht nur eine Reminiszenz an alte Zeiten. Hinter der Schalttafel ist ein kleines Lager eingerichtet: Matratze, Tisch und sogar ein mobiles Klo ist dort. Der Staat hört mit! Bei einem Künstler, dessen Vater in den 60er Jahren während der Kulturrevolution in ein Umerziehungslager kam und die Familie ihren Wohlstand einbüßte, drängt sich eine solche Deutung auf.

Einfach grandios ist die Installation „Money Tree“ von Yuan Gong, die schwerelos wie für den Raum im Obergeschoss geschaffen zu sein scheint. Einer chinesischen Erzählung zufolge fällt Geld vom Baum, wenn man ihn schüttelt. Diese Geschichte hat sich für die Landbewohner in fataler Weise als falsch erwiesen. Durch ein Erdbeben 2008 in der südchinesischen Provinz Sichuan sind die Bauern ihrer Existenzgrundlage beraubt worden. Yuan hat hier die Arbeitsgeräte der Bauern miteinander zu einem Gebilde verbunden, das an eine kristalline Struktur erinnert. Es spiegelt die Gesellschaft wider. Und durch eine Spiegelung wirkt auch die Arbeit noch imposanter. Es waren immer wieder die Bauern, die allen Lippenbekenntnissen zum Trotz unter den Modernisierungsschüben, etwa unter Maos Großem Sprung nach vorne Ende der 50er Jahre gelitten haben.

Der 16 Meter lange Tunnel, an dessen Ende fünf Reihen Lautsprecher montiert sind, aus denen das Telefon schrillt, geht einem schon in Mark und Knochen, ehe man ihn überhaupt betreten hat. Zhou Xiaohu, der bei der Ausstellungseröffnung anwesend sein wird, hat ihn mit rotem Plüsch ausgeschlagen. Das macht den dunklen Gang nicht einladender. Alle paar Meter ist ein Bildtelefon montiert. Es erweckt den Eindruck, als könnte der Besucher noch in das Geschehen eingreifen, wenn er nur mit dem afrikanischen Diktator, dem US-Präsidenten oder dem UN-Generalsekretär spricht. Zu sehen und zu hören sind Ausschnitte einer 12-minütigen Videoinstallation, die einen nachgestellten Blauhelmeinsatz zur Befreiung von Geiseln in Somalia zeigt. Wegen der Gewalt und ihrer unmittelbaren Wirkung ist das mit Vorsicht zu genießen. „Der Betrachter endet als Opfer der Sensationsmedien, an deren Ausufern er selbst Anteil hat“, heißt es dazu im Katalog.