Brenzlige Situation mit zwei US-Soldaten

Mein Vater sollte sich am 8. April 1945, drei Tage, bevor die Amerikaner in Mülheim einmarschierten, zum Volkssturm melden. Da er wegen eines schweren Herzfehlers nicht mehr über die Straße gehen konnte, gingen meine Mutter und ich mit seinen Papieren zur Erfassungsstelle im gegenüberliegenden Reichsbahnausbesserungswerk an der Duisburger Straße. Der dortige Arzt sah sich die Befunde – schon mit einem EKG erstellt – an und sagte: „Drei Tage zurückgestellt.“ Mein Vater meinte später nur: „Das kann schon bis zum Kriegsende reichen.“

Und so geschah es. Am 11. April sah ich nach dem Aufstehen durch das Fenster des Kellers, in dem wir nachts zur Sicherheit schliefen, ein Beinpaar in richtigen Lederschnürstiefeln mit einer bräunlichen Uniformhose. Ich schlug Alarm bei Vater. Der sagte nur: „Legt euch wieder hin und schlaft euch aus. Der Krieg ist aus. Wir sind jetzt in Amerika!“ Da ich am 10. April Geburtstag habe und damals acht Jahre alt wurde, blieb mir der darauffolgende Tag immer im Gedächtnis.

Der Frieden, der nun folgte, war auch keine einfache Zeit. Eine amerikanische Streife ging von Haus zu Haus und suchte die Wohnungen ab, so auch unsere Bleibe in der Duisburger Straße 81. Wonach man suchte, wurde nicht gesagt, weil die GIs kein Deutsch und wir kein Englisch konnten. Statt Worten stießen die beiden Soldaten nur quakende Laute aus. Die Amis schauten in jedes Zimmer und alle Schränke.

In einem Raum fanden sie die Uniform eines Oberlokführers der Bahn, die unserem Hauswirt gehörte, bei dem wir untergekommen waren. Die fremden Soldaten vermuteten dahinter eine Militäruniform und setzten meinem Vater die Dienstmütze auf. Da er im Vergleich zu unserem Hauswirt ein schmächtiger Mann war, fiel ihm die Mütze auf die Ohren, wodurch klar wurde, dass er nicht der Träger sein konnte. Somit überstanden wir diese brenzlige Situation unbeschadet. Von der Rot-Kreuz-Uniform meiner Schwester stahlen unsere Befreier aber noch die Halsbrosche. Als sie gingen, malten sie mit gelber Ölkreide ein „OK“ an die Haustür. In der Folge wurde es nicht einfacher. Im Krieg gab es oft schlechte Speisen, aber wir hungerten nicht, das wurde im Frieden anders. Diese Hungerzeit werde ich nie vergessen.