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Boom bei Einbürgerung

26.03.2008 | 18:48 Uhr

354 Ausländer haben im vergangenen Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Das sind 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Landestrend ist dagegen rückläufig. Wieso?

Die Stadt scheint bei Ausländern beliebt zu sein, zumindest bei denen, die Deutsche werden wollen. „Wir sind bei Einbürgerungen Spitzenreiter im Revier”, jubiliert Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und wirft eine 25-prozentige Steigerungsrate gegenüber 2006 in die Waagschale. Auf niedrigem Niveau schlagen Veränderungen immer schnell ins Gewicht, ließe sich erwidern. Insgesamt handelt es sich um 354 Personen, in den Jahren davor waren es 282 und 243. Es wurden auch schon mal Spitzenwerte von über 500 Menschen erreicht, doch das war Anfang des Jahrtausends, wie aus einer Statistik des Innenministeriums hervorgeht.

ErklärungsversucheLandesweit nahm die Neigung sich einbürgern zu lassen um über 11 Prozent ab. Im benachbarten Oberhausen sogar um mehr als ein Drittel. Dort wurden nach 359 in 2006 im vergangenen Jahr nur noch 236 Menschen Deutsche. Woher kommt die Bindungswirkung der Stadt? Ist der kleine Einbürgerungs-Boom auf die Attraktivität der kulturellen Einrichtungen mit dem Theater an der Ruhr, dem Museum Alte Post, der Camera Obscura, dem großen Grünanteil mit seinem Erholungswert, den vielen Billig-Einkaufsketten in der Innenstadt zurückzuführen oder doch auf die besondere Bürgerfreundlichkeit der Ausländerbehörde, wie Oberbürgermeisterin Mühlenfeld vermutet. Enver Sen, Vorsitzender des Integrationsrates und selbst seit knapp 15 Jahren Deutscher, macht sich andere Gedanken: Mülheim habe mit vielen Facharbeitern und Akademikern schon immer unter den Ausländern ein höheres Bildungsniveau als die Nachbarstädte gehabt und somit sei der Wunsch, die vollen Bürgerrechte zu erlangen und politisch mitentscheiden zu können, hier stärker ausgeprägt. Auch das Miteinander zwischen Deutschen und Ausländern habe hier besser funktioniert, so dass es nur ansatzweise zu einer Ghettobildung gekommen sei. Als Ausländervertreter habe er immer für die Einbürgerung als komplette Integration geworben, so dass er in den Zahlen eine „tolle Entwicklung” erkennt. Da die Anforderungen an Neubürger mit der Reform des Zuwanderungsgesetztes im vergangenen August höher geworden und sich die Standards für die Sprachprüfung erhöht haben, kann er sich wie auch Udo Brost, Leiter der Ausländerbehörde, vorstellen, dass in diesem Jahr die Anzahl der Einbürgerungen leicht zurückgehen könnte.

Hohe Hürden Grundsätzlich gilt: wer Deutscher werden will, muss einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben und acht Jahre in Deutschland gelebt haben; diese Frist kann durch einen erfolgreich absolvierten Integrationskurs, der seit 2005 Vorschrift ist, um ein Jahr oder durch die Ehe mit einem deutschen Partner weiter verkürzt werden. Da die Antragsteller nicht vorbestraft sein dürfen und sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen sollen, zählen Erkundigungen beim Verfassungsschutz und eine Sichtung des Strafregisters für die Ausländerbehörde zum Standardprogramm. Auch eine Einkommensbescheinigung muss vorgelegt werden, aus der hervor geht, dass der künftige Neubürger finanziell auf eigenen Füßen stehen kann. Der Nachweis von Sprachkenntnissen (mit dem so genannten B 1-Abschluss) sowie der Rechts- und Gesellschaftsordnung entfällt, wenn das Abgangszeugnis einer deutschen Schule vorliegt. Und mit 255 Euro Bearbeitungsgebühr pro Person (Kinder bis 16 Jahre 51 Euro) ist es nicht gerade billig ein Deutscher zu werden. Für einen normalen türkischen Beschäftigten, der hier keine Verwandten hat, ist es kaum möglich, nach Deutschland zu gelangen. „Das ist aber schon so seit dem Ende des Anwerbestopps”, so Brost. Ausnahmen gebe es nur für bestimmte Berufsgruppen. Liegt die auf zwei Jahre befristete Einbürgerungszusicherung vor, muss derjenige der Deutscher werden will beim Konsulat seines Geburtslandes beantragen, aus seiner bisherigen Staatsangehörigkeit entlassen zu werden. „Das kann eine sehr aufwändige Prozedur sein”, weiß Brost aus Erfahrung. Kompliziert wird es, wenn im Herkunftsland noch die Wehrpflicht geleistet werden muss. EU–BürgerDoppelte Staatsangehörigkeiten sind seit der Gesetzesänderung nur für EU-Angehörige möglich, doch die spielen in Mülheim überraschend kaum eine Rolle. Unter den elf wichtigsten Herkunftsländern ist nur Polen als EU-Land vertreten. Gerade acht polnische Staatsangehörige beantragten einen deutschen Pass. Ganz im Gegensatz zum Landestrend. Hier war die Einbürgerung von EU-Bürgern leicht rückläufig.

STEFFEN TOST

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