Begegnung im Theater

Theateraufführungen sind nicht nur unterhaltsam und sorgen für neue Erkenntnisse, sie ermöglichen vor allem auch Begegnungen zwischen Menschen. Die Stücke liefern dann auch gleich den passenden Gesprächsstoff dazu. In der Beziehung zwischen den Flüchtlingen, die in die Stadt kommen, und den Mülheimern sind es gerade menschliche Begegnungen, die fehlen. Auf beiden Seiten haben die Menschen ihre Vorurteile und wissen von den Ängsten und Bedürfnissen der anderen nur schemenhaft etwas. Ein Ausflug ins Theater wäre für die Flüchtlinge auch eine schöne Abwechselung in ihrem tristen Alltag. Doch wie sollen sie ins Theater kommen?

Reinhard Jehles, Initiator der Initiative Willkommen in Mülheim (WiM) ist vor einigen Tagen eine gute Idee gekommen, wie sich all die Probleme, zumindest für eine einzige Veranstaltung, lösen lassen. Und seitdem arbeitet der 61-Jährige beharrlich an der Umsetzung dieses Plans. Vielleicht gewinnt das Ganze dann ja wie schon so oft eine ungeahnte Eigendynamik und wird zu einem Selbstläufer.
Ganz unbeteiligt war die NRZ-Redaktion beim Zustandekommen dieser Idee nicht. Sie war bei einem nächtlichen Gespräch via Facebook zwischen Jehles und dem Kollegen Sebastian Sasse entstanden. Den Hintergrund bildeten damals die Pegida-Demonstrationen in Dresden, die an Bedeutung gewannen, und vor allem der Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo an Vortag. Die Rede kam auf die Liebe, die man dem Terror entgegen setzen müsse, und dann zitierte der Kollege den Kernsatz aus der „Kleinen Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Seitdem will Jehles das Stück präsentieren und Mülheimer dazu animieren, Flüchtlinge in ihren Unterkünften abzuholen, zum Theater zu fahren und sich gemeinsam die Aufführung anzuschauen. Naheliegend wäre natürlich eine Aufführung des Theaters an der Ruhr, wo das Stück schon seit Jahren zum Repertoire gehört und wo Flüchtlinge ohnehin freien Eintritt haben.

Die Oberbürgermeisterin macht mit

Jehles denkt aber vor allem an die Kinder und suchte deshalb eine kindgerechtere Inszenierung. Er fand sie schließlich beim Tournee Theater Hamburg und stieß dort auf offene Ohren. Die Schauspieler sind bereit, bei ihrer Aufführung in Mülheim auf ihre Gage zu verzichten, bleiben die Reise- und Übernachtungskosten. Präsentiert wird der Kleine Prinz am Sonntag, 15. März, um 15 Uhr im Ringlokschuppen. Auch Matthias Frense, dessen künstlerischer Leiter, war sofort von der Idee begeistert. Jeder, dem Jehles sein Vorhaben vorträgt, reagiert positiv. Ganz wichtig: Bei Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld fand Jehles ebenfalls Unterstützung. Sie sagte ihm fest zu, an dem Sonntag eine Flüchtlingsfamilie abzuholen und zu der Aufführung zu begleiten. Sie hat eine wichtige Vorbildfunktion.

Der Eintritt zu der Aufführung wird für alle frei sein, es wird aber eine Spendendose aufgestellt. Die Aufführung dauert 80 Minuten. Es gibt aber eine Pause, in der Fingerfood angeboten wird. Das Essen haben dann die Flüchtlingsfamilien zubereitet. Es wird in Pommes-Frites-Schalen aus Keramik serviert, die mit dem Logo der WiM bedruckt sind. Als Erinnerungsstück darf diese Schale jeder Besucher behalten. Der Theatersaal im Ringlokschuppen fasst 350. Das Interesse ist schon im engeren Helferkreis enorm. Eile scheint also geboten.

Der Text ist natürlich auch wichtig. Jehles geht zwar davon aus, dass die Handlung auch verständlich ist, ohne den Text zu verstehen. Aber da es den Prinzen in fast jeder Sprache gibt, bemüht er sich, Übersetzungen zu besorgen. „Aber das ist gar nicht so einfach“, muss er feststellen. Auch ein mehrsprachiges Werbeplakat ist bereits fertig. Bei dieser Inszenierung wirken vier Schauspieler mit. Es wird aber auch mit multimedialen Mitteln gearbeitet, so werden Filmpassagen und die Illustrationen von Saint-Exupéry auf die Wand projiziert.
Wer an dem Nachmittag eine Familie abholen und ins Theater begleiten möchte, kann eine E-Mail an die WiM schreiben: info@jehles.de. „Notfalls entscheidet das Los“, so Jehles.