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Geschichte

Aus Mülheim an den Amazonas

23.12.2010 | 16:49 Uhr
Aus Mülheim an den Amazonas
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Mülheim.Ob Arme, Kranke, Andersdenkende oder sonstige an den Rand der Gesellschaft gedrängte Kreaturen: Jesus stand der Menschheit immer unvoreingenommen gegenüber.

Er war einer der ersten, der die ganze Vielfalt menschlichen Seins nicht nur erkannte, sondern auch im Guten daraus schöpfte. Fast 1900 Jahre später trat ein berühmter Amazonasforscher aus Mülheim gegen das damals im prüden Preußen gängige Vorurteil an, dass die ursprünglichen Lebensformen der Indianer primitiv und barbarisch seien: „Wo Menschen leben ist Kultur“ war das Ergebnis seiner Forschungsreisen.

Die führten den Ethnologen und Mediziner Karl von den Steinen 1884 und 1887 zu den Waldmenschen im Herzen Brasiliens und zu den Marquesas, einem Archipel im südlichen Pazifik. Eine Biografie über den Psychiater, Völkerkundler und Autor, die sich spannend wie eine Abenteuerreise liest, und dabei auch ein philosophisches Plädoyer für ein tolerantes Bild von Menschlichkeit und Kultur zeichnet, hat ein Nachfahre des Wissenschaftlers verfasst: Ulrich von den Steinen schrieb über die bereichernden Entdeckungen, den ersten Kontakt eines Weißen mit den Ureinwohnern im tropischen Amazonien. Dabei ging es Ulrich von den Steinen (71), promovierter Theologe, der seit 35 Jahren in Mülheim lebt, nicht so sehr um eine Familiensage, sondern darum: „Warum ist der Mann heute noch aktuell und uns so nahe in seinen Ansichten?“ fragt der Autor.

Die Arztfamilie von den Steinen lebte damals an der Eppinghofer Straße 5, als Karl am 7. März 1855 das Licht der Welt erblickte. Die Mutter starb noch im Kindbett. Erzogen wurde Karl von den Großeltern in Wülfrath, machte Abitur in Düsseldorf, studierte Medizin in Bonn, Zürich und Straßburg und promovierte mit 20 Jahren. Als jüngster Arzt der Psychiatrie an der Berliner Charité „wollte er sehen, wie die ,Irrenhäuser’ der Welt geführt werden“, erläutert Ulrich von den Steinen. Mit einer Weltreise begannen die späteren Expeditionen in die letzten unentdeckten Gebiete Südamerikas. Der junge Forscher interpretierte mit 28 Jahren die Formen des Zusammenlebens, nahm Körperabmessungen vor, so der Autor. „Es ist ihm wunderbar gelungen, diese Ergebnisse in eine Gedankenfolge zu fassen, die überzeugt.“

Er lebte bei den Naturvölkern im Urwald und befand, dass es sich dabei sehr wohl um kulturelles Leben handelte. Das Andersartige arbeitete Karl von den Steinen dabei klug heraus. „Rassismus hat er total abgelehnt“, betont Ulrich von den Steinen. Öffentlich bot der Forscher der durchgängigen Meinung die Stirn, dass europäische Hochkultur die einzig Wahre sei, hielt Vorträge vor gelehrtem Publikum: „Wir dürfen nicht Erotik und Exotik verwechseln.“

Der Mülheimer Wissenschaftler untermauerte dabei Lebensformen, die nicht im Widerspruch zu den europäischen stehen, sondern nur anders sind. Nicht zuletzt zeigte er sich dabei als ein entschiedener Gegner politischer Okkupationsbestrebungen. Von den Expeditionen „brachte er nicht nur Exponate und Tagebücher mit, sondern auch ein neues Bild vom Menschen: seinen Wurzeln und seiner Entwicklung aus urzeitlicher Kultur“, betont der Autor. Und was die Studien noch so aktuell macht, sind die Tätowierungen, die bei den Ureinwohnern entdeckt wurden – zonenweise waren die Menschen von oben bis unten symbolhaft mit Zeichnungen bedeckt. Wenn die Ganzkörper-Tätowierung hier erst im Kommen ist, kann man aber davon ausgehen, dass Jesus die Geschichten auf der Haut mit Interesse gelesen hätte.

Margitta Ulbricht

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