Das aktuelle Wetter Muelheim 13°C
WAZ-Gespräch mit dem...

Aufklärung ist nötig

16.10.2008 | 10:11 Uhr

Zum deutschlandweiten „Gefäßtag” am kommenden Samstag finden auch in Mülheim etliche Informationsveranstaltungen statt. Dr. Alexander Stehr, Chefarzt der Gefäßchirurgischen Klinik am Ev. Krankenhaus, erklärt, warum so viele davon betroffen sind.

Warum ist der Gefäßtag aus Ihrer Sicht so wichtig?

Stehr: Gefäßkrankheiten werden zur Volkskrankheit. Man weiß, dass etwa 50% aller Todesfälle aufs Herz-Kreislauf-System zurückzuführen sind – Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen der Beine. Diese Erkrankungen sind die Sterbeursache Nummer eins in den industrialisierten Ländern. Eine Erkenntnis der letzten Jahre ist, dass diese Krankheiten zusammen betrachtet werden müssen. Studien zeigen, dass Patienten, die an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK, „Schaufensterkrankheit”) leiden, ein sechs- bis zehnfach höheres Risiko haben, in den nächsten Jahren an Herz-Kreislauferkrankungen zu sterben. Andererseits hat jeder fünfte Patient über 65 Jahre, der eine Hausarztpraxis betritt, eine PAVK – das ist doch enorm. Da muss man Aufklärung leisten.

„Der Mensch ist nur so alt wie seine Gefäße” – was ist da dran?

Stehr: Das Zitat stammt vom Arzt und Pathologen Rudolf Virchow (1821 – 1902), der in Berlin die große pathologisch-anatomische Sammlung aufgebaut hat. Virchows Ausspruch ist heute wahrer denn je: Die Bevölkerung wird immer älter, aber das numerische Alter entspricht nicht immer dem biologischen. Wir haben Patienten, die mit 70 deutlich vorgealtert sind, andere sind 95 und fit. Viele Alterungsprozesse wie das Nachlassen der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit sind erheblich vom Zustand des Gefäßsystems abhängig.

Gefäßerkrankungen sind ja Durchblutungsstörungen. Ist das auf eine ungesunde Lebensweise zurückzuführen? Kann man Vorsorge treffen?

Stehr: In gewissem Maße schon. Es gibt genetische, also angeborene Anfälligkeiten, aber viele Gefäßleiden sind ganz klar erworben: Es sind Zivilisationserkrankungen, hervorgerufen durch zu fette Ernährung, Rauchen und Bluthochdruck. Auch die große Gruppe der Diabetiker hat unter Gefäßschäden zu leiden. Kurz gefasst: Man muss schauen, dass man nicht unbedingt abstinent, aber maßvoll lebt und sich viel bewegt.

Gibt es eine Gefäßverengung, die besonders viele betrifft?

Stehr:  Zwei große Gruppen bilden die Patienten mit der Schaufensterkrankheit, also mit Durchblutungsstörungen der Beine, und die Patienten mit Angina pectoris, Durchblutungsstörungen des Herzens. Da jeder fünfte Hausarztpatient über 65 an Durchblutungsstörungen der Beine leidet, kann man sich das Ausmaß der Durchblutungsstörungen auch an anderen Körperregionen vorstellen.

Ein zweites großes Thema bei Gefäßkrankheiten sind die Venenleiden. Was versteht man darunter?

Stehr: Die Gefäße, also die Blutbahnen, die Blut vom Herzen wegführen, sind Arterien, die Gefäße, die das Blut wieder zurück zum Herzen führen, nennt man Venen. Die beiden großen Gruppen der Venen-Krankheiten sind einmal die Thrombose, also der Verschluss der Vene durch ein Blutgerinnsel. Im schlimmsten Fall kann dies zu einer Lungenembolie führen. Aber immer nimmt die Vene, insbesondere die Venenklappen, bei einer Thrombose Schaden. Die Venenklappen gehen kaputt, es kommt zum chronischen Stau in den Beinen – das führt über Jahre zu schlecht heilenden Geschwüren. Die andere Gruppe der Venenleiden sind die Krampfadern. Das betrifft das oberflächliche Venensystem, wobei hier die Venen krankhaft erweitert sind. Risikofaktoren sind langes Stehen und Sitzen, auch genetische Faktoren spielen eine große Rolle. Am zuverlässigsten hilft Kompressionsbehandlung mit Stützstrümpfen oder die operative Entfernung der Krampfadern.

Was ist das Ziel des geplanten EKM-Gefäßzentrums?

Stehr: Alle Gefäßerkrankungen gehören in eine Gruppe – ob sie am Hirn, Herzen oder den Beinen auftreten. Ziel wäre, dass Patienten, die eine gefäßchirurgische Krankheit haben, auch auf andere Manifestationen der Gefäßschäden gescreent werden und in ein Vorsorgeprogramm kommen. Damit sie nicht erst zum Gefäß- chirurgen, dann zum Kardiologen, dann zum Radiologen geschickt werden, sondern die Behandlung effektiver und schneller erfolgt. Das Konzept für das Gefäßzentrum soll Anfang, Mitte 2009 stehen.

Bettina Kutzner

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/922925/create

Umfrage der Woche
Die Bauarbeiten für die Ruhrpromenade haben begonnen. Im März 2013 soll sie fertig sein. Prima Promenade an der Ruhr?

Die Bauarbeiten für die Ruhrpromenade haben begonnen. Im März 2013 soll sie fertig sein. Prima Promenade an der Ruhr?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Stimmen zum Rauchen
Video
Video
Pfingst-Spektakulum
Bildgalerie
Mittelalter in Broich
Pfingst-Renntag
Bildgalerie
PFERDERENNEN
"beGeistert"
Bildgalerie
Pfingstfest
Aus dem Ressort
Grüne setzen sich mit Kampagne für mehr Zivilcourage ein
Sicherheit
Nach den jüngsten gewaltsamen Übergriffen und der zunehmenden Zerstörung wollen die Grünen in Mülheim einen Mentalitäts-Wechsel herbeiführen. Sie verlangen von den Bürgern mehr Engagement beim Verhindern von gewaltsamen Übergriffen und Vandalismus.
Kulturaustausch beim Schnibbeln und Rühren
Besuch aus Tansania
Es wird geschnibbelt und gerührt, geplaudert und gelacht. Fünfzehn Männer und Frauen stehen um die Kochinseln der Lehrküche und bereiten ihr Mittagessen gemeinsam vor.