Aufgetischt wie früher

Kochen ist gesellig. Man merkt es, wenn man die Kochgruppe im Wohnbereich Schiller des zum Evangelischen Krankenhaus gehörenden Wohnstiftes Dichterviertel besucht. 9 Damen und ein Herr in den 80ern sitzen an einem Tisch. Sie schälen Kartoffeln, schneiden Blumenkohl klein und formen Hackfleisch und Brot zu Frikadellen. Sie sind dement. Aber das steht diesmal nicht im Vordergrund. Statt auf ihr Mittagessen zu warten, bereiten sie es heute selbst zu. Da wird nicht nur geschnippelt und geformt. Da wird auch gemeinsam gesungen.

Für einen guten Zweck

Und plötzlich fällt Christel P. ein, „dass ich aus dem schönen Ostpreußen komme und für meine vier Kinder immer Königsberger Klopse zubereitet habe“, während sie Hackbällchen formt. „Ich fühle mich, als wäre ich wieder zu Hause“, meint Waltraud V. Und Brigitte B. freut sich darüber, „dass ich hier mithelfen kann, weil es ja für einen guten Zweck ist.“

„Wir haben schon seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 2009 regelmäßig mit den demenziell veränderten Bewohnern des Hauses gekocht, weil sie das geistig aktiviert, ihre Motorik fördert und ihnen hilft, Kontakt zu anderen Bewohnern aufzunehmen und so zu einer Gruppe zu werden“, berichtet die Leiterin des sozialen Betreuungsdienstes, Regine Stoltze.

Als sie für ihre Arbeit mit der Kochgruppe, in der sie von Ursula Gutrath, Fidan Batman und von der ehrenamtlich altiven Waltraud Heiermann unterstützt wird, Anregungen in der Literatur suchte, stellte sie fest: „Dass es auf diesem Sektor eigentlich nichts gibt.“

Deshalb entschloss sie sich auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen und mit Hilfe ihrer Kochmannschaft ein Buch über Kochen mit Demenzkranken zu schreiben. Mit dieser Idee rannte sie bei Evelyn Wagenblast vom Verlag an der Ruhr offene Türen ein. „Es gibt zwar viele Bücher über gesunde Ernährung, aber keines, das beschreibt, wie man mit Demenzkranken kochen kann“, betont die 34-jährige Redakteurin. Sie selbst kam mit in die Kochgruppe und war fasziniert von Gerichten aus Großmutters Küche. „Bevor ich in die Gruppe kam und damit in die Praxis eintauchte, hatte ich noch nie etwas von falschem Kotlett (paniertem und gebratenem Speck) mit Kartoffeln und Wirsing gehört“, erzählt Wagenplast. Entstanden ist ein Buch, das praktisches und theoretisches Fachwissen sehr anschaulich miteinander verbindet und so zu einer guten Anregung für Pflegekräfte, Alltagsbegleiter und pflegende Angehörige werden kann.

Steckrübe und Graupensuppe

„Viele demenziell veränderte Bewohner müssen erst einmal zum Kochen animiert werden, in dem man ihnen zum Beispiel bestimmte Lebensmittel einfach mal auf den Tisch legt oder ihnen Fotos von bestimmten Gerichten zeigt. Und auch wenn sie mit einem Kartoffelschäler nichts anfangen können, fangen sie oft wie von selbst an, Kartoffeln zu schälen, wenn man ihnen Kartoffeln und ein Küchenmesser auf den Tisch legt“, berichtet Stoltze aus ihrer Praxis.

Außerdem weiß sie, „dass man Demenzkranken auch beim Kochen nie das Gefühl geben darf, etwas falsch zu machen.“ Auch wenn die Brille mal versehentlich im Eisfach abgelegt wird, kann man die Situation mit Humor entschärfen, in dem man dies als gute Idee darstellt, „weil eine kalte Brille Kopfschmerzen mildern kann.“

Von Steckrübeneintopf und Graupensuppe bis zu Wirsing mit Kochfleisch und Salzkartoffeln. finden sich in ihrem Buch auch 24 Rezepte, die sie von den Teilnehmern ihrer Kochgruppe bekommen hat. Dazu passend gibt es 24 Rezept-Bild-Karten, die auf der einen Seite das fertige Gericht und auf der anderen Seite die einzelnen Zutaten zeigen und damit im besten Sinne ohne viele Worte zum Kochen animieren können.

Neben konkreten Tipps, wie man demenziell veränderte Menschen durch das gemeisame Kochen aktivieren und eine Gruppendynamik schaffen kann, beschreibt das Buch auch auch den Wert, den das Essen für einer Generation hat, die den Hunger noch kennen gelernt hat.

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE