Auf den Rhythmus kommt es an

Die Stücke von Ewald Palmetshofer haben immer etwas Artifizielles. Wer sie nicht kennt, reagiert irritiert, wenn er diese oft mäandernden Satzschleifen, Wiederholungen und Verdrehungen zum ersten Mal liest. „Sie sind fürs Theater geschrieben. Sie existieren nur, wenn sie gespielt werden. Sie brauchen den Körper“, sagte er gestern morgen, als er sich der Diskussion mit zehn Übersetzern aus ebenso viel Ländern stellte. Alle zwei Jahre begleitet das Festival eine Übersetzerwerkstatt in Kooperation mit dem internationalen Theaterinstitut in Berlin. „Ich bin fit“, versicherte er, was er in den folgenden 90 Minuten auch bewies. Gefeiert habe er zurückhaltend. Seine Texte sind Sprachpartituren, bei denen es auf Klang, Rhythmus und Betonung ankommt.

Seit gut einer Woche sind die Übersetzer wieder in der Stadt, haben sich mit Händl Klaus und Yael Ronen getroffen. Es ist eine bunte Mischung aus mehreren Kontinenten, darunter junge und ältere Übersetzer, erfahrene und solche, die noch nicht so viel Erfahrung haben. Die Serbin Bojana Denic etwa, die schon mehrere Preise erhalten hat, übersetzt Elfriede Jelinek, Dea Loher sowie Thomas Bernhard, und stellt derzeit eine dreibändige Anthologie des deutschen Theaters von 45 bis 2008 zusammen, in der Palmetshofer nicht fehlt. Die Polin Iwona Nowacka kennt den Autor schon seit vier Jahren, hat 2011 bei ihm einen Kurs über szenisches Schreiben absolviert und schätzt ihn daher auch als Didaktiker. Sie arbeitet gerade an einem anderen seiner Stücke, befasst sich aber auch mit Kinder- und Jugendstücken, da diese in Polen echte Mangelware seien. Sie hat schon das Siegerstück der diesjährigen Kinder-Stücke „Dreier steht Kopf“ von Carsten Brandau übersetzt. Wer weiß, vielleicht kommt das Stück in polnischer Übersetzung zum Festival zurück. Festivalchefin Stephanie Steinberg hätte jedenfalls großes Interesse daran. Auch die Inderin Jayashree Joshi, die in Mumbai für das Goethe-Institut arbeitet, übersetzt Kinder- und Jugendstücke.

Wenn die Teilnehmer die Autoren nennen, mit denen sie sich befassen, werden immer wieder genannt: Schimmelpfennig, Hübner („Frau Müller muss weg“) und Brecht, der in Portugal bis 1974 verboten war.

Leser greifen mit der größten Selbstverständlichkeit zu einem Buch in deutscher Übersetzung, machen sich aber keine Vorstellung, wie kompliziert eine solche Übertragung ist. Geht es ja nicht nur darum, den Inhalt in eine andere Sprache zu überführen, sondern auch um die Bewahrung des Charakters des Stücks. Wortspiele müssen stimmen und der Jargon passen. Hört man den Übersetzern zu, geraten diese Selbstverständlichkeiten ins Wanken. Palmetshofer hat die Unverheiratete in Jamben geschrieben, jede zweite Silbe wird betont. In mehreren Sprachen ist das ein Problem, etwa im Chinesischen wie auch im Polnischen. Es funktioniere nur mit Mühe und mit längeren Worten, was aber den Charakter verändere, sagt Nowacka. Für Palmetshofer ist es kein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Verfremdung. Mit einem anderen Versmaß hätte er kein Problem. Hauptsache, der Effekt werde erzielt. In der Inszenierung des Burgtheaters gibt es eine Stelle, die ihn stört. Das Stück behandelt eine Denunziation in den letzten Tagen des Krieges, die zur Exekution eines jungen Mannes führt. Die Folgen überdauern Generationen. An einer Stelle heißt es im Original „Zellleiter“ der NSDAP, was politisch richtig sei. Der Regisseur habe aber daraus Ortsgruppenleiter, weil das für das Publikum der bekanntere Rang sei. „Das tut weh“, sagt der 36-Jährige und rät den Übersetzern, alles, was rhythmisch nicht funktioniert, auch nicht zu sagen.

Die Probleme fangen schon mit dem Titel an. Wer ist die Unverheiratete? Die Frage stellte sich auch beim Publikumsgespräch. Die Frauen in allen drei Generationen: Die Denunziantin, die für ihre Tat mehrere Jahre hinter Gittern saß und als ältere Frau zurück ins Dorf kam, die Enkelin (wieder großartig: Stefanie Reinsperger) und auch die Mittlere, die als Elektra auf die Literaturgeschichte verweist. Elektra bedeute auch die Unverheiratete, erklärte Palmetshofer und erzählte von der weiblichen Vererbungslinie im vorklassischen Griechenland. Viele Attribute in ihren Monologen würden sich auf die Orestie beziehen, wie die Badewanne und die Axt die Christiane von Poelnitz hier schwingt, nicht aber um ihre Mutter umzubringen, sondern um deren Selbstmord zu verhindern. Und der Autor lüftet noch ein anderes Geheimnis: Die Mülheimer Aufführung habe länger gedauert, weil hier die Vorhänge langsamer hochgehen und damit einen langsameren Rhythmus vorgegeben hätten.

Nach dem intensiven Austausch mit dem österreichischen Autor steht fest, dass Palmetshofer ein Autor ganz nach dem Wunsch von Übersetzern ist Auskunftsfreudig und flexibel. Die Preisvergabe ist für den 28 Juni vorgesehen.