Arbeitgeber geben Blockadehaltung auf

Es dürften an die 10 000 Metaller gewesen sein, die gestern in über 110 Bussen aus 31-Verdi-Bezirken nach Mülheim gekarrt worden waren und ihren Forderungen lautstark Nachdruck verliehen haben. Das war eine Macht, die der Arbeitgeberseite bei der Tarifrunde in der Stadthalle durchaus Respekt abverlangte. Während der etwa vierstündigen Verhandlungsrunde ging es zwar nicht um die Themen Altersteilzeit und Tariferhöhung, Pietro Bazzoli, als Arbeitnehmervertreter Mitglied der Tarifkommission, zog anschließend aber eine positive Bilanz. „Die Arbeitgeber sind beim Thema Bildungsteilzeit von ihrer Blockadehaltung abgerückt“, sagt der Siemens-Betriebsratsvorsitzende, den gestern natürlich noch ein ganz anderes Thema umtrieb. Der angekündigte Stellenabbau in der Kraftwerkssparte. Doch in welcher Höhe das Mülheimer Werk davon betroffen sein wird, konnte er gestern noch nicht sagen

Bei der Bildungsteilzeit, geht es der IG Metall jedenfalls darum, dass Mitarbeiter für ihre persönliche Weiterbildung, wenn sie etwa den Techniker machen, temporär die Arbeitszeit über das Arbeitszeitkonto reduzieren können, um sich auf die Qualifizierung zu konzentrieren. Später sollte es dann ausgeglichen werden. Bei dieser Frage zeigen sich die Arbeitgeber nun beweglicher.

Der Protest hatte schon früh begonnen. Gegen 9.15 Uhr – rund zwei Stunden, bevor sich IG Metall und Arbeitgeber zur dritten Tarifrunde trafen – waren die Streikenden von dort über die Schloßbrücke zur Kundgebung an der Ruhrpromenade gezogen. Der eisige Wind konnte die Stimmung auf und vor der Bühne dabei nicht trüben. An die zahlreichen Menschen mit triefenden Nasen in der Menge wurden Taschentücher mit der Aufschrift „Nase voll“ verteilt, was als deutliche Botschaft an die Arbeitgeberseite zu verstehen war.

Diese Botschaft untermauerte auch Dirk Horstkamp, Gewerkschaftssekretär der Mülheimer IG Metall, zum Auftakt der einstündigen Kundgebung. „Das Angebot der Arbeitgeber ist so mickrig, dass wir uns warm anziehen müssen.“ Dementsprechend war auf vielen Transparenten in der Menge die Parole „Wir für mehr“ zu lesen.

Auch hier hatte Pietro Bazzoli, Betriebsratsvorsitzender von Siemens in Mülheim, das Wort ergriffen. Und brachte zum Schluss seiner Rede die Menge in Stimmung, indem er sie als Chor diese Forderung mehrmals rufen ließ. Den von Konzern-Chef Joe Kaeser angekündigten Stellenabbau, von dem auch der Standort in Mülheim spürbar betroffen sein könnte, nannte Bazzoli „unerträglich“ und warf seinem Arbeitgeber „Perspektivlosigkeit“ vor.

Siemens sei ein „Musterbeispiel dafür, wie man Beschäftigte verunsichern kann“, sagte auch der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Knut Giesler in seiner Rede. Umso positiver sei es, dass sich rund 1000 Siemens-Mitarbeiter aus Mülheim und weiteren Standorten in NRW am Warnstreik beteiligen würden. Aus Duisburg wurden alleine 300 Siemens-Beschäftigte erwartet. Auch mit der Teilnehmerzahl insgesamt war Giesler hoch zufrieden. „Ihr zeigt uns, dass wir bislang alles richtig machen“, sagte er.

In der Menge waren Banner aus dem Revier, aber auch aus Mönchengladbach, Köln, Gevelsberg, oder beispielsweise Siegen zu sehen. Mit diesem Rückhalt forderte Giesler von den Arbeitgebern ein „klar verbessertes Angebot.“ Andernfalls drohten eine Urabstimmung und unbefristete Streiks.

Ende Februar wird weiterverhandelt, so Bazzoli hinterher. Ein genauer Termin ist noch offen.