Anziehendes Geschäftsmodell in der Mülheimer Innenstadt

Seit 45 Jahren ist Helga Unterspahn Verkäuferin in dem Traditions-Wäschehaus in der Mülheimer Innenstadt.
Seit 45 Jahren ist Helga Unterspahn Verkäuferin in dem Traditions-Wäschehaus in der Mülheimer Innenstadt.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Aus Herta Oehler ist Body & Beach geworden: Doch das Traditionsgeschäft in der Mülheimer Innenstadt schaut auch in schwieriger gewordenen Zeiten gut aus der Wäsche, weil es Neues und Altbewährtes geschickt miteinander verbindet

Mülheim.. Die Innenstadt ist tot. Es lebe die Innenstadt. Allen Unkenrufen zum Trotz: Es gibt sie noch, die traditionsreichen Fachgeschäfte, die sich auch in einem zunehmend schwierigen Umfeld behaupten. Das Wäschefachgeschäft Body & Beach, in dem sich Damen und Herrn mit Unterwäsche, Nachthemden, Dessous, BHs, Bikinis, Bademänteln, Hausanzügen und Strandkleidern eindecken können, gehört dazu.

Der Name Body & Beach klingt neu und weist darauf hin, dass das Geschäft seit drei Jahren eine von bundesweit zwölf Filialen der Firma Mehlhorn ist. Doch gleichberechtigt steht auf dem Ladenschild über dem Eingang am Kohlenkamp der Name Herta Oehler, der alten Mülheimern ein Begriff ist.

Lehrstelle mit Volksschulabschlusszeugnis

„Herta Oehler und ihr Mann Heinz haben das Geschäft 1950 an der Wallstraße eröffnet und sind dann 1958 in das heutige Ladenlokal am Kohlenkamp gezogen, in dem davor die Bäckerei Faßbender ihre Backwaren verkauft hatte“, erzählt Helga Unterspann aus der Firmengeschichte. Seit dem 1. August 1969 ist die heute 59-jährige Verkäuferin selbst ein Teil dieser Firmengeschichte. Mit einem Volksschulabschlusszeugnis von der Saarner Klostermarktschule trat sie ihre Lehrstelle dort an.

„Wir waren vier Geschwisterkinder und mein Vater verdiente als Heizer bei Siemens den Lebensunterhalt der Familie. Da musste Geld reinkommen“, macht Unterspann deutlich, dass für sie damals an einen weiteren Schul- und Hochschulbesuch nicht im Entferntesten zu denken war.

Mit knielangem Rock zu Arbeit

Auch eine mögliche Ausbildung bei einem Juwelier lehnte ihr Vater mit dem Hinweis ab: „Da wirst du am Ende noch überfallen.“ Und als ihr ein Praktikum im Friseursalon zeigte, dass sie auf Färbemittel und Haarsprays allergisch reagierte, war sie froh, dass sie bei Herta Oehler einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz fand, der ihr und ihren Eltern zusagte. „Bevor ich Materialien und Stoffe kennenlernte und in den Umgang mit den Kundinnen eingeführt wurde, musste ich erst mal putzen und einkaufen“, erinnert sich Unterspann an ihre ersten Wochen im Geschäft.

Wie alle Verkäuferinnen, musste auch Unterspann im knielangen Rock zur Arbeit erscheinen. Eine Verkäuferin in Hosen oder im Mini-Rock wären ihrer Chefin, die Unterspann als „strenge, aber gerechte“ Geschäftsfrau erlebte, „bei der die Lieferanten stramm standen“, nicht in den Laden gekommen.

"Wer schön sein will, muss leiden"

In den 60er und 70er Jahre konzentrierte sich Herta Oehler ganz auf den Wäschebedarf der weiblichen Kundschaft. Erst in den 80er Jahren, als ihre Tochter Christa Schulz ins Geschäft einstieg, öffnete sich das Wäschefachgeschäft auch für den Herrenbedarf.

„In den ersten Jahren haben wir sogar noch Schnürmieder verkauft“, erzählt Helga Unterspann und präsentiert gleich ein Anschauungsexemplar aus alten Beständen. Wer sich das gute Stück mit seinen Schüren und seinem von Stützstäben im Form gehaltenen Stoff anschaut, begreift, woher die Redewendung „Wer schön sein will, muss leiden“ kommt.

10.000 Artikel

Wenn man Helga Unterspann nach den größten beruflichen Veränderungen fragt, die sie in den letzten 45 Jahren erlebt hat, erfährt man, „dass der Umgang mit Kunden heute viel lockerer und nicht mehr so förmlich ist“, wie früher und „dass die Auswahl bei Farben, Formen und Stoffen früher bei weitem nicht so groß war wie heute.“

Unterspann, die von sich selbst sagt: „Ich kenne hier heute jeden BH“, staunt selbst darüber, dass sich heute im computergestützten Warenwirtschaftssystem des Fachgeschäfte rund 10.000 verschiedene Artikel finden. „Die Kunden waren früher nicht so wählerisch, aber auch nicht so experimentierfreudig wie heute“, resümiert die Verkäuferin, die sich noch gut an die Zeiten erinnern kann, als die Inventur noch drei Wochen dauerte, weil alle Waren von Hand und nicht, wie heute, binnen eines Arbeitstages, mit einem Scanner erfasst werden mussten.