Angst war ständiger Begleiter

Ich war 1962 für sechs Wochen in diesem Kinderheim, im tiefsten Winter, hoch Schnee. Meine Erinnerungen daran sind fast durchgehend schrecklich und teils traumatisch. Heute würde ich sagen, in Keitum herrschte noch der Geist der Nazizeit. Wir waren immer unter Kontrolle, Angst war unser ständiger Begleiter. Durch die Bank möchte ich die Kinderpflegerinnen als sadistisch bezeichnen. Es gab nicht eine, die Wärme und Liebe verbreitet hat.

Wir mussten unter allen Umständen alles aufessen, was auf dem Teller war. Freitags gab es Heringsstipp, also halb roher Fisch. Für Nordlichter sicher ein normales Essen, aber wir Achtjährigen aus dem Ruhrgebiet kannten das nicht und würgten daran. Einmal war ich die Allerletzte, die noch vor ihrem vollen Teller im Speisesaal saß. Ich wurde mit der Gabel gezwungen, den Mund zu öffnen. Als ich mich erbrach, wurde ich angeschrien, es wurde mir angedroht, ich müsse das Erbrochene gleich wieder aufessen. Weinte ich nach meiner Mutter, wurde ich angeherrscht, ich solle still sein. Ein anderes Mal war mir schlecht, ich musste mich übergeben und sofort danach weiteressen.

Wir durften nicht weinen. Wir mussten unter allen Umständen auf Kommando still sein, sonst gab es Haue. Es gab keinen Trost, von niemandem. Es wurde dazu aufgerufen, ein weinendes Kind auszulachen. Der Umgangston war herzlos. Wir wurden hart angefasst und auch geschlagen.

Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass ich nicht das einzige Kind war, das Keitum im Rückblick einfach nur furchtbar fand. Im Gespräch mit anderen Kindern von damals ähnelten sich die Schicksale. Die Kinder der 1960er Jahre wurden unterdrückt, verbogen, verängstigt.