Angst vor niedrigen Anmeldezahlen
12.02.2010 | 20:01 Uhr 2010-02-12T20:01:00+0100
Die drei Mülheimer Hauptschulen sehen mit bangen Blicken dem 23. und 24. Februar entgegen. An diesen Tagen können Eltern ihre Kinder für das neue Schuljahr anmelden.
Anmeldeverfahren in Duisburg und Bochum haben bereits gezeigt, wo die Reise hingehen könnte. „Es wird finster werden“, fürchtet etwa auch die Dümptener Hauptschulleiterin Ulrike Nixdorff und rechnet mit deutlich weniger Zuspruch als zuvor.
Der Trend, dass Eltern in zunehmendem Maße die Hauptschulen nicht als geeignete Schulform für ihre Kinder ansehen, ist in Mülheim unverkennbar. Zählte die Statistik im Schuljahr 2001/02 noch 1358 Hauptschüler, so verteilen sich aktuell nur mehr 862 Kinder und Jugendliche auf die drei Schulen an der Bruchstraße, in Dümpten und Speldorf; das Minus in acht Jahren beläuft sich auf 37 % – so das Bild aus der üblichen Stichtagserhebung zum 15. Oktober eines jeden Schuljahres.
Für den Anmeldetermin in eineinhalb Wochen dürfte die Statistik noch ein weitaus größeres Minus ausweisen. Der Rückgang von 208 Anmeldungen von Fünftklässlern im Schuljahr 2001/02 auf nur noch 90 für das laufende Jahr, eine Reduzierung um mehr als 50 %, macht noch klarer, dass Hauptschulen immer öfter letzte Wahl sind. Erst wenn aus der Bewerbung anderswo, vor allem an den Gesamtschulen, nichts wird, kommt die Hauptschule infrage.
Anderswo sind die Anmeldeverfahren für 2010/11 bereits abgeschlossen. Die Zahlen sind alarmierend, die Mülheimer Schulen ziehen Rückschlüsse daraus auf das, was sie am Ende des 24. Februars erwartet. In Duisburg sind nur 140 von 4300 Viertklässlern an Hauptschulen angemeldet worden. „Die Situation ist schlimmer als erwartet“, reagierte der Schuldezernent der Nachbarstadt, Karl Janssen. „Die Hauptschule ist tot, die Leute wollen sie nicht mehr.“ Nur durch die zu erwartenden Überhänge an den Gesamtschulen glaubt Duisburg noch in allen seiner 13 Hauptschulen je eine 5er-Klasse bilden zu können. An einer einzigen Hauptschule wurden mehr als die für eine Klassenbildung notwendigen 18 Kinder. Die Situation in Bochum: 42 Eingangsklassen an Gymnasien, hingegen bisher nur 88 Kinder für sieben Hauptschulen. Die an der Fahrendeller Straße zählte gar nur eine einzige Anmeldung.
Mülheims Schuldezernent Peter Vermeulen glaubt zwar, dass sich alle drei Hauptschulen der Stadt „erst mal halten können“, doch er weiß: „Wir haben keine Hauptschule, die sich dem Landestrend bislang widersetzt hat.“ So sind die Schulleitungen skeptisch, etwa Leiterin Else-Maria Schmidt-Geerlings von der Hauptschule Speldorf. Sie glaubt, dass die Bezirksregierung nicht bis zum Herbst stillhalten wird, bis sich eine Eingangsklasse mit Nachzüglern füllt. Wenn nicht frühzeitig vor dem Schulstart im Sommer 18 Fünftklässler bei der Stange sind, fürchtet sie, werde die Bezirksregierung dem Schulträger Druck machen, die Bildung einer Eingangsklasse zu untersagen. Die Schule in Speldorf hat momentan im fünften Jahrgang 23 und im sechsten 26 Schüler. Dieses Jahr könnte es für die kleinste der drei Hauptschulen knapp werden. „Es war ja schon im letzten Jahr eine Zitterpartie“, sagt Schmidt-Geerlings.

15:05
@Frank Borchert, wenn man schon auf Genauigkeit pocht, dann ist eine Analogie von Stadt/Land von Finnland zu Deutschland erst recht unzulässig.
Das mit 18 Schülern pro Klasse ist dagegen sehr wichtig. Bildung kostet eben Geld. Auch Gesamtschule ist keineswegs eine Billigschule. Leider führte sie bereits Jürgen Girgensohn nur halbherzig ein. Seit dem war in NRW jeder Minister für Bildung Mitglied des Deutschen Philologenverband. Der sieht die herausgehobene Position der Studienräte in Gefahr und tut alles, um den Gesamtschulkonzept zu schaden. Zudem hat die bildungs-feindliche SPD nirgendwo mehr gespart als bei den Schulen. Bekanntlich sind Lehrer faul und schuld an allem und jedem. So gesehen ist Schwarz/Gelb ganz gut für uns. Einerseits kürzen sie etwas weniger, andererseits waren die Anmeldezahlen für die Gesamtschulen noch nie so hoch wie heute.
Ich sehe es genau umgekehrt. Sobald NRW einschwenkt und wie die meisten Bundesländer nur noch Sekundar-Schulen mit und solche ohne gymnasiale Oberstufe anbietet, dann wird sich die gemütliche Atmosphäre, die heute an den Hauptschulen gemocht wird, allgemein einstellen. Insbesondere in den Ballungsräumen wird sich das als Segen erweisen.
12:54
@ modtiger
Zitat: das Finnische Modell ... , das seinen Vorteil eben nicht aus kleinen Einheiten zieht, sondern aus dem heterogenen Schülerfeld
Sehen Sie, genau diese Realitätsblindheit ist es, die ich an den Gesamtschulbefürwortern kritisiere. Man hält sich an Glaubenssätzen fest, weigert sich aber, diese an den Tatsachen zu messen:
In Finland ist die durchschnittliche Klassengröße 18 Schüler ! Auf dem Land haben die Schulen eben genau den Charakter einer von ihnen oben so titulierten Lehrer Lämpels Dorfschule. Nur mit dem Unterschied, dass in Finland diese von ihnen so abschätzig bezeichneten Lehrer Lämpel regelmäßig zu den besten ihres Jahrgangs gehören, da dort aus kulturellen Gründen der Lehrerberuf ein sehr hohes Sozialprestige besitzt und sich die Universitäten für ihre Lehramtsstudenten jedes Jahr die besten Bewerber heraus suchen können.
Migranten, eben so wie Problem-Familien vergleichbar mit dem deutschen Prekariat gibt es in Finland außerhalb der Ballungsgebiete praktisch nicht.
Unter diesen Umständen erreichen diese Schulen bessere Leistungen als der deutsche Durchschnitt (Kunststück!).
In den wenigen größeren Städten wie Helsinki oder Turku sieht das schon ganz anders aus. Dort sind die Leistungen trotz kleiner Klassen und hervorragender Lehrer deutlich schlechter als im deutschen Durchschnitt mit seinem mehrgliedrigen Schulsystem.
Das System Simultanschule bringt also in Finland - GAR NIX !
Und genau so ist es auch bei uns ...
Wer hier mitreden will, dem sei angeraten, sich mit der Realität im Detail zu beschäftigen und nicht nur Zeitungsüberschriften und Parteiprogramme zu lesen.
Das Hauptschulsterben wird der Gesamtschule in den deutschen Ballungsräumen das Genick brechen. Sie werden es sehen, denken Sie an meine Worte.
12:33
Hallo Elektricktrick, teilweise kann ich den Hauptschul-Fanblock hier verstehen. Niemand redet gerne schlecht von der eigenen Schule. Zudem hat die HS Borbecker Straße einen wirklich guten Ruf. Das hat jedoch weniger mit dem System Hauptschule zu tun, sondern mit der guten Schulleitung in Dümpten und einigen sehr engagierten Lehrern.
@Gartenzwerg, das mit dem absichtlich .. heruntergewirtschaftet ist Gerede. Seit den Wahlen vom 22. Mai 2005 regiert Schwarz/Gelb, namentlich Barbara Sommer und ihre Staatssekretäre. Die bemühen sich seit fünf Jahren vergebens der Hauptschule wieder Leben einzuhauchen.
Auch die Industrie und Handelskammer, ganz besonders die in Essen/Mülheim, tut alles um die Hauptschule zu retten. Es gibt niemanden der die Gesamtschule schmackhaft machen möchte. Es ist vielmehr so wie Elektricktrick schreibt:Das ganze Schulkonzept in Deutschland gehört auf den Müllhaufen und somit auch die Hauptschule.
09:30
Die Hauptschulen wurden offensichtlich absichtlich zum schlechten Beispiel heruntergewirtschaftet.
Mit den so vernachlässigten Hauptschulen wollen uns die Sozialdemokraten die Gesamtschule schmackhaft machen.
00:36
Das größte Problem ist der Rückgang der Schülerzahlen, also brauchen wir insgesamt weniger Schulen. Bleibt also die Zusammenlegung bzw. Verteilung, wie bei der HS Kleiststraße im letzten Jahr. Die HS Frühlingsstraße ist dieses Jahr das nächste Opfer.
Die Schulministerin hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert und steuert mit ihrer Bildungspolitik contra Hauptschule leider in eine sachliche Sackgasse.
Eindeutiges Pro: Lernschwächere Schüler sind deutlich besser auf einer Hauptschule aufgehoben, weil dort noch gezieltere Förderung als in der GS stattfindet (besonders kann ich das an der Borbecker Straße feststellen). Am Ende haben sie die gleichen Chancen am Arbeitsmarkt, wie die Absolventen der GS mit Hauptschulabschluss. Auch hier gibt es den Kontakt zu Industrie und Handwerk (wenigstens in MH). In unserem Betrieb sind mehr Hauptschüler, als Gesamtschüler in Ausbildung und dazu auch noch erfolgreicher!
@3 modtiger: Das Argument, Hauptschule führt zu ALG II, kann ich so nicht gelten lassen!
Contra: Das ganze Schulkonzept in Deutschland gehört auf den Müllhaufen und somit auch die Hauptschule. Solange Bildung nicht irgendwo zentralisiert geregelt ist, wird sich in Deutschland wenig an den PISA-Ergebnissen verbessern, besonders an den Hauptschulen.
00:11
Wer hier die Realität verkennt, sind die Anhänger der Hauptschule. Ich bin auch kein Frend der sogenannten verwöhn-Pädagogik, die sich stets nach dem schwächsten Schüler im Klassenverband richtet. Daher kann es auch kein Maßstab sein, welche Qualität Schulabbrecher haben.
Nur an den Klassenbesten lässt sich die Qualität einer Schule erkennen und an dem Prozentsatz, der einen bestimmten Kenntnisstand erreicht hat. Welches Niveau ist an einer Schule überhaupt zu erreichen? Da haben eben die Erweiterungskurse der Hauptschulen oft das Niveau der Grundkurse von Gesamtschulen. Das sind allerdings Durchschnittswerte. Wer es eben sehen will, findet immer einen Bewerber finden, der ins fest gefasste Bild passt.
23:28
@modtiger
Die real existierende vermurkste Gesamtschule ist leider keine Alternative zu Hauptschule. Sie haben es ja selbst schon geschreiben. Aber trotzdem verkennen Sie stur die Realität d.h die Wirklichkeit der Schüler. Es geht doch überhaupt nicht um Ihre Pädagogen- oder Beamtenparallelwelt. Um Mathe machen auch Sie offensichtlich einen großen Bogen und deshalb verstehen Sie Ihre Statistiken vermutlich leider nicht.
Das Problem: Gesamtschüler (ohne Abschluss) und Hauptschüler sind heute leider nur in Ausnahmefällen zu gebrauchen. Die können bei Vorstellungsgesprächen leider keine Fremsprachen und viel schlimmer: die können nicht rechnen. Die sind vermutlich von ihren Lehrern betrogen worden damit die Statistken passen. Der Arbeitsmarkt wird aber fast nur noch von Gymnasien, Realschulen und Gesamtschulabitur dominiert.
Ihre Experten von heute dürfen sich endlich mal der Realität und Argumenten stellen. Denen muss man nicht glauben sondern die müssen überzeugen. Was soll die Ausrede mit den 50ern? Heißt das: Die Welt ist so kompliziert - heute muß man viel mehr lernen? Nein, es scheint viel mehr Ausdruck dafür, dass Sie nicht akzeptieren wollen wie es ist: Lernen und Lehren bedeutet viel Aufmerksamkeit, gestern, heute und morgen.
Global gesehen sieht die Angelegenheit noch viel schlimmer aus. Deutschland baut gerade eine (Un)Bildungsunterschicht, die ihresgleichen sucht und nicht konkurrenzfähig ist.
22:48
@Frank Borchert, Sie widersprechen sich selbst. Einerseits auf das Finnische Modell verweisen, das seinen Vorteil eben nicht aus kleinen Einheiten zieht, sondern aus dem heterogenen Schülerfeld. Dort müssen eben ältere und jüngere, reiche und arme, intellektuelle und bildungsferne Schüler miteinander auskommen. Die die Spreizung der Leistungsstärke wird in Finnland durch Kleinstschulen noch verstärkt. Man muss schon absichtlich die Augen davor verschließen, um das zu ignorieren.
@rienzi GG, was hätte man gleich lassen können? Ziel der Gesamtschule war es von Anfang an, eine Volksschule für alle zu sein und alle meint auch wirklich ALLE. Dann hat es mit den unseligen Realschul-, Gymnasial- und Hauptschulempfehlungen endlich ein Ende. Gemeinsames längeres Lernen, denn viele zeigen ihre Fähigkeiten erst in der 8ten, 9ten Klasse. Erst dann sollte differenziert werden.
@StadtMenschMH, was mit den Hauptschulen passiert, ist voll in Ordnung. .. oder man schafft sie ab und denn die Gesamtschule ist eine brauchbare Alternative.
Bei:Die können nicht rechnen und keine Fremdsprache .. bleiben Sie jeden Beweis schuldig. Gerade in Fremdsprachen sind die Gesamtschüler ihren Kollegen von der Hauptschule am meisten überlegen. Dort erreichen die Gesamtschul-G-Kurse an guten Standorten das Niveau der Hauptschul-E-Kurse an schlechten Standorten, sprich die besseren Hauptschüler haben in etwa die Leseleistung in Englisch, wie die schwächeren Gesamtschüler. Unter Hauptschule verstehen viele ihre Erfahrung aus den 50er Jahren. Das hat mit der Realität von heute nichts mehr zu tun.
Was wäre wenn die Hauptschulen abgeschafft würden? Dann würden die heutigen Klassenverbände mit den selben Lehrern in möglicherweise sogar dem selben Gebäude weitermachen. Nur eben mit dem besseren Konzept der Gesamtschule. Ich fahre kein Auto aus den 50ern, auch mein Radio verwendet eine modernere Technik, als sie in den 50er Jahren verwendet wurde. Ich möchte, das auch meine Kinder nach heutigen Konzepten unterrichtet werden. In den 50er Jahren gab es noch keine Gesamtschule. All diejenigen, die damals ihre Erfahrung mit Schule gesammelt haben, sollten einfach mal eine Runde schweigen und den Experten von heute glauben.
21:08
@modtiger
Große Gesamtschulen d.h. Massenschulen, nur damit die Defizite bei den Pädagogen nicht so auffallen? Sie haben Nerven. Das Ziel der Bildungspolitik scheint aber tatsächlich so: Mit großen Gesamtschulen kann man die Mißverhältnisse besser kaschieren. Es bleibt unverständlich, warum wir bei den Lehrern so wenig Kontrolle und Sanktionsmöglichkeiten gibt. Da tut sich leider garnichts.
Aber das ist ein anderes Thema - es geht um Hauptschulen. Das was mit den Hauptschulen passiert, ist ein Skandal. Entweder man betreibt sie verantwortungsvoll weiter oder man schafft sie ab und hat eine brauchbare Alternative.
Die Entwicklung zeigt aber sehr schön, dass es hier nur ums Sparen geht. Wir sind von den Verhältnissen in Finnland (dem Bildungsaufwand) unabhängig vom Schulsystem meilenweit entfernt. Bei soviel Aufmerksamkeit für den einzelen Schüler (wie in Finnland) ist das Schulsystem nämlich letztendlich egal.
17:34
Fragt sich nur, warum individuelles Lernen und Lehren ausgerechnet dort besonders gut möglich sein soll, wo die Spreizung der Leistungsstärke besonders groß ist, nämlich auf der Gesamtschule ???
Dann kommt immer das Argument mit dem Mitschüler als zweitem Pädagogen. Hat auch noch nie jemand gezeigt, dass das am Ende für beide besser funktioniert, nichts als Aberglaube !
Und wieso gelten drei- bis sechszügige Schulen als optimal ??? Sonst wird doch immer Finland als der große Beweis für die Überlegenheit der Gesamtschulen angeführt. Dort sind aber eben wegen der geringen Bevölkerungsdichte die meisten Schulen Zwergschulen. 40% aller finnischen Schulen haben nicht mehr als 50 (!) Schüler; die Durchschnittsgröße ist 120 (!) . Zum Vergleich: In Deutschland haben Gesamtschulen und Gymnasien zwischen 1000 und 1500 Schüler.
Hier lügen ideologisch voreingenommene Pädagogen, die offensichtlich wissenschafltiche Studien zwar lesen, aber nicht verstehen können, sich selber etwas in die Tasche.
Tatsache ist: 80-90% aller leistungsstarken Schüler gehen aufs Gymnasium, und dabei wird es auch bleiben.