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Anderen Lasten abnehmen

17.11.2009 | 19:16 Uhr

„Wie bist du denn darauf gekommen?” Das hört Rudolf Becker häufiger, wenn Leute von seiner Ausbildung erfahren. Die ewig gleiche Frage findet er lästig, doch nur vorsichtig deutet er dies an. Denn im Beruf, den er lernt, sind höfliche Umgangsformen wichtig: Bestattungsfachkraft will er werden.

Also, Herr Becker: Wie sind Sie auf diesen Beruf gekommen? Der kaufmännische Bereich habe ihn interessiert und besonders auch dies: „Menschen zu helfen”. Für den 26-Jährigen ist es bereits die zweite Ausbildung, nachdem er zunächst eine Fleischerlehre abschloss und dann das Abitur nachholte.

Insgesamt drei junge Männer lernen derzeit im Mülheimer Bestattungsinstitut Fohrmann KG. Die anderen zwei – Tristan Helmus und Marwin van Stiphout (beide 17) – bereiten sich auf die Übernahme der elterlichen Betriebe vor. Während Rudolf Becker noch nie einen Verstorbenen gesehen hatte, ehe er ein zweiwöchiges Praktikum begann, war ein solcher Anblick den anderen schon früh vertraut. Die Wohnungen ihrer Familien liegen im selben Haus wie die Firma oder direkt nebenan. Auch wegen der branchenüblichen Rufbereitschaft: im Wechsel rund um die Uhr.

Riten, Rechtsfragen, Trauerpsychologie

Stefan Helmus-Fohrmann, der Chef, sagt: „Die meisten wissen gar nicht, wie vielschichtig unser Beruf ist.” Die Inhalte des Lehrplans reichen in der Tat von Riten bis zu Rechtsfragen, von der Waren- und Werkzeugkunde bis zur Gestaltung von Gedenkfeiern, von betriebswirtschaftlichen Grundlagen bis zur Trauerpsychologie. Bevor es eine Ausbildungsordnung gab, also noch vor wenigen Jahren, war ein anderer Weg üblich: Fortbildung neben dem ursprünglichen Beruf – häufig: Tischler oder Bürokaufmann/frau – führte zum „Geprüften Bestatter”. Doch manches hat sich geändert, vor allem die praktische Anforderungen.

Es geht darum, weiß Tristan Helmus bereits, „den Leuten so viel Arbeit wie möglich abzunehmen”. Den Hinterbliebenen, versteht sich, die mittlerweile mehrheitlich eine Feuerbestattung wählen. Immer zahlreicher werden die Zusatzangebote: Einsatz einer Kutsche mit Pferdegespann etwa, individuell gestaltete Urnen bzw. Särge (bemalt von den Angehörigen oder vielleicht versehen mit einem Vereins-Emblem), Tag- oder Nachtwachen nebem dem aufgebahrten Verstorbenen in gediegen eingerichteten Abschiedsräumen, die bei Fohrmann hinter goldfarbenen Türen liegen.

Über belastende Dinge reden

In all diesen Dingen beraten Bestatter, nicht selten schon zu Lebzeiten von Menschen, die möglichst vieles selber bestimmen und rechtzeitig regeln wollen. Eine Ausbildungsvergütung von 350 bis 450 Euro empfiehlt der Bundesverband Deutscher Bestatter, dann ein Anfangsgehalt zwischen 1700 und 1900 Euro. In der Praxis ist die Bezahlung jedoch Verhandlungssache, sie schwankt stark.

Stefan Helmus-Fohrmann, bekommt nach eigener Aussage 30 bis 50 Bewerbungen pro Jahr und sieht keinen Nachwuchsmangel. Obwohl sich eines nie ändern wird: Der Beruf bringt besondere Belastungen mit sich. Stets: die Betreuung tief trauernder Menschen. Am Schlimmsten scheinen die Bestatter Todesfälle kleiner Kinder zu empfinden oder auch die Behandlung von Unfallopfern. Dies zu verarbeiten, gelinge am besten im Team, meint Stefan Helmus-Fohrmann, „wir tauschen uns aus. Über belastende Dinge zu reden, das hilft schon.”

Von Freude am Beruf des Bestatters zu sprechen, ist wohl nicht angemessen. „Das hört sich makaber an”, sagt auch Rudolf Becker, „aber es macht schon zufrieden, das Ergebnis zu sehen.” Wenn am Ende alles erledigt ist, im Sinne der Kunden.

Ausbildungsberuf seit 2003

Um als Bestatter zu arbeiten, genügt ein Gewerbeschein. Gleichwohl hat der Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. im Jahr 2003 einen Lehrberuf samt Ausbildungsordnung entwickelt: Bestattungsfachkraft. Drei Jahre lang lernen die jungen Leute, ganz überwiegend geschieht dies im Betrieb. Für den theoretischen Teil, der in Unterrichtsblöcken vermittelt wird, gibt es bundesweit drei Berufsschulen, zudem besteht ein Lehrfriedhof im fränkischen Münnerstadt.

Derzeit hat nur ein Mülheimer Institut, nämlich Fohrmann, Azubis, die mindestens einen Realschulabschluss mitbringen müssen. Aber auch andere sind für Bewerbungen offen, so die Firma aus dem Siepen, bei der kürzlich eine junge Frau abgeschlossen hat. „Wir suchen Leute”, sagt Juniorchef Michael aus dem Siepen, „und wenn sie gut sind, übernehmen wir sie auch.”

Doch oft hätten die Interessenten, auch Praktikanten, falsche Vorstellungen vom Berufsalltag: „Wir transportieren nicht nur Verstorbene von A nach B und rücken gelegentlich ein Schleifchen zurecht. Viel wichtiger ist die organisatorische Arbeit. Außerdem braucht man ein Händchen für optische Harmonie.”

Annette Lehmann

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