Ameisen am Rande der Stadt
09.01.2012 | 16:39 Uhr 2012-01-09T16:39:00+0100
Mülheim.„Als Eltern“, sagt Dr. Anna Pfannkuch, „darf man natürlich davon träumen.“ Tochter und Sohn studieren Medizin. Anna und ihr Mann Udo Pfannkuch betreiben an der Alvenslebenstraße in Styrum gemeinschaftlich eine Hausarztpraxis. Sie sind eine der letzten Mohikaner im Stadtteil, der im vergangenen Jahr wegen der Unterversorgung mit Hausärzten in die Schlagzeilen geraten ist. Vielleicht lässt sich ja der Nachwuchs dafür begeistern, die Praxis der Eltern mal weiterführen . . .
Das freilich stehe in den Sternen, sagen Anna und Udo Pfannkuch. Schon heute klagen Hausärzte über die mickrige Pauschalvergütung, dazu immer mehr Verwaltungsaufwand, der Zeit für die Patienten raubt, für die Profession. Allein im letzten Jahr hat Styrum zwei Hausarztpraxen verloren.
Mediziner haben sich Gemeinschaftspraxen angeschlossen
Die Mediziner haben sich Gemeinschaftspraxen in der Innenstadt angeschlossen, das schafft betriebswirtschaftlich Luft oder eröffnet überhaupt erst die Möglichkeit, die Praxis an Nachfolger zu vermitteln. Nun gibt es in ganz Styrum nur mehr vier Hausärzte in drei Praxen. Anna und Udo Pfannkuch halten die Stellung, als viel beschäftigte „Ameisen am Rande der Stadt“, wie Udo Pfannkuch es nennt. Seine Frau verspricht: „Wir bleiben den Styrumern mit Sicherheit treu.“
Anna Pfannkuch ist 52, ihr Mann 53. Sie sind 27 Jahre lang verheiratet. Kennen und alsbald auch lieben gelernt haben sie sich während ihres Medizinstudiums am Uniklinikum Essen. 1978 war das. Das erste Treffen in der Tutorengruppe, später schrieben beide ihre Promotionsarbeit auf dem Experimentierfeld der Bauchspeicheldrüse, beide mit anderem Schwerpunkt.
Von der Uniklinik in die Basisversorgung
Tochter Sabine kam zur Welt, dann Sohn Stefan. 1991 öffnete die eigene Hausarztpraxis. Die Pfannkuchs übernahmen sie von Dr. Carl Gutmann, erweiterten sie – und legten los. Für Anna Pfannkuch war das der logische Weg. Sie stammt aus Varloh bei Meppen im Emsland, ihre eigene Haus-, eine Landärztin, stand Patin für ihren Berufsweg. „Sie hat das ganze Dorf versorgt, immer geholfen, hatte Ausstrahlung“ – das imponierte Anna Pfannkuch. Ihr Mann Udo hätte weiter am Uniklinikum forschen können, doch auch er hatte den Wunsch, in die Basisversorgung zu gehen.
Seither leben die Pfannkuchs die Arbeitsteilung. Klar: Jeder betreut Patienten. Die Organisation aber ist in Männerhand, dafür liege die Stärke seiner Frau in ihrer Empathie, sagt Udo Pfannkuch. „Manchmal ist das Zuhören wichtiger als eine Tablette“, sagt diese, beobachtend, dass psychische Erkrankungen zunehmen .
Wegen des Ärzteschwundes kommen mehr Patienten
20 Jahre Styrum. „Wir kriegen hier die ganze Bandbreite des Lebens mit“, sagt Udo Pfannkuch. Ganze Familien sind im Patientenstamm. Aus Kindern sind Erwachsene geworden. „Wir kennen viele Werdegänge, auch familiäre Probleme“, so Anna Pfannkuch. Jetzt, da aufgrund des Ärzteschwundes viel mehr Patienten kommen, gebe es zwar zunehmend das Problem, Zeit zum Zuhören zu finden, aber durch Erfahrung und gute Organisation glaube man auch dies wettmachen zu können.
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Bewusst haben die Pfannkuchs Arbeits- und Wohnort getrennt, sie wohnen in Essen-Heisingen. Privatleben soll Privatleben bleiben, nicht jeder Supermarkt-Einkauf zur Sprechstunde werden. „Wir sehen den Stadtteil hier nicht als unsere Heimat“, sagt Udo Pfannkuch. „Das ist auch gut so. Wenn wir hier sind, arbeiten wir konsequent und intensiv, um die Versorgung sicherzustellen, aber wir genießen es auch, uns völlig aus diesem Umfeld zu lösen.“
Sport dient dem Ärztepaar als Ausgleich
Der Sohn lebt noch zu Hause, die Tochter studiert in Berlin. Sport dient dem Ärztepaar als Ausgleich. „Das ist wichtig, um das Tempo in der Praxis halten zu können“, sagt Anna Pfannkuch. Sie geht joggen, hat die Marathondistanz bewältigt. Auch Yoga, Fitness oder Walken gehören dazu. Udo Pfannkuch spielt Tennis – und schmunzelt, wenn er sagt, dass er „noch ein Klischee oben draufsetzen kann: Zusammen versuchen wir uns seit neuestem beim Golf.“ Geschafft ist die Platzreife.
Reif ist die Zeit noch nicht für eine Nachfolgeregelung für die Praxis. Klar: Die Pfannkuchs sind ja erst Anfang 50. „Wenn die Kinder sie übernehmen wollen“, sagt Anna Pfannkuch, „würde ich auch bis 67 arbeiten. Aber da muss man erst schauen, welche Perspektive die Praxis hat . . .“

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