Als der Nobelpreis nach Mülheim ging

„Dieses Patent hat uns als Institut rund 40 Jahre finanzielle Unabhängigkeit beschert.“ Ferdi Schüth spricht von der berühmtesten Mülheimer Erfindung überhaupt, die seinem Vorgänger als Direktor des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung, Karl Ziegler, 1963 den Nobelpreis eingebracht hat. Für Nicht-Chemiker klingt der Name des Verfahrens etwas sperrig: Herstellung von Polyolefinen über koordinative Insertionspolymerisation mit metallorganischen Katalysatoren.

Die praktischen Folgen dieser Innovation kann aber heute jeder im Alltag erfahren: Erst das Ziegler-Verfahren hat die kostengünstige industrielle Massenproduktion von Plastik möglich gemacht. „Die Lizenzeinnahmen aus diesem Patent würde ich auf eine Milliarde Euro schätzen. Man kann das nicht genau sagen, aber das ist etwa die Größenordnung“, so Schüth. Aber das ist nicht das einzige Patent, das dem Institut Geld beschert hat.

1967 hatte Kurt Zosel, ein ehemaliger Doktorand Zieglers, eine Idee, deren Auswirkungen heute noch am Frühstückstisch oder an der Kuchentafel spürbar sind: Zosel entwickelte ein Verfahren zur Entkoffeinierung von Kaffee. „Da dürften die Lizenzeinnahmen bei etwa 50 Millionen Euro gelegen haben“, schätzt Schüth.

40 Millionen Mark dotierter Fonds

Und das Institut hat von diesen Einnahmen profitiert. Ihnen verdankt es das Laborhochhaus, das an das Stammgebäude auf dem Kahlenberg angebaut worden ist. „In dieser Zeit bekamen wir zwar auch Zuschüsse von der Max-Planck-Gesellschaft, aber die waren mehr symbolisch gedacht“, merkt Ferdi Schüth an. Wie wird aber festgelegt, wie die Einnahmen zwischen Erfinder, Institut und Max-Planck-Gesellschaft aufgeteilt werden? Zu Zeiten von Ziegler galt eine Regelung, die den Erfinder mehr bevorzugte als heute: „Wenn jemand Hochschullehrer war, dann konnte er allein über seine Einnahmen als Erfinder verfügen“, erläutert Schüth. Allerdings zeigt gerade das Beispiel Ziegler, dass sich dies nicht zum Nachteil des Forschungsinstituts auszahlen musste: Zu seinem 70. Geburtstag 1968 gründete der Nobelpreisträger einen mit 40 Millionen DM dotierten Fonds zugunsten der Kohlenforschung.

Und auch Mülheim hat von dem Erfindungsreichtum Zieglers profitiert: Die Sammlung Ziegler verleiht dem Kunstmuseum einen besonderen Akzent in der Museumsszene.

Heute wird die Aufteilung der Anteile gesetzlich geregelt, durch das Arbeitnehmererfindergesetz: Grob kann man sagen, ein Drittel der Einnahmen gehen an den Erfinder, ein Drittel an das Institut und ein Drittel an die Planck-Gesellschaft. „Auch wenn man es nicht mehr genau nachvollziehen kann, glaube ich, dass auch schon bei Ziegler alle beteiligten Parteien eine ähnliche Regelung gefunden haben“, vermutet Schüth. Jedenfalls sind auch heute noch Erfinder, die an Universitäten oder an Forschungsinstituten arbeiten, besser gestellt, als ihre Kollegen in der Industrie: Dort liege der Anteil, so Schüth, meist unter einem Prozent.

130 Erfindungen pro Jahr

Erfindungen sind allerdings auch nicht das Hauptgeschäft der Max-Planck-Forscher. An den Instituten steht die Grundlagenforschung im Vordergrund. Trotzdem betont Schüth, der auch stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates der MPG und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist: „Wir sind erkenntnisorientiert, aber anwendungsoffen.“

Dies zeigt sich etwa an einer neuen Institution, die im Gefüge der Planck-Gesellschaft geschaffen worden ist: Die Max-Planck-Innovation-Planck GmbH mit Sitz in München prüft im Schnitt pro Jahr 130 Erfindungen, von denen dann rund 90 auch als Patent angemeldet werden. Beim Mülheimer Institut übernimmt man diese Aufgabe selbst: Ferdi Schüth ist Geschäftsführer der Studiengesellschaft Kohle, die für die Verwaltung der Patente und Lizenzen zuständig ist.

Allein diese Tatsache unterstreicht, dass in Mülheim mehr als in anderen Instituten viele Patente angemeldet werden. Doch trotzdem betont Schüth: „90 Prozent der Patente, die durch Universitäten oder Forschungsinstitute angemeldet werden, bringen kaum Lizenzeinnahmen. In der Industrie ist das etwas anderes, wo die Innovation direkt zu einer neuen Wertschöpfung führt. Allein durch Patente wird sich Forschung also nicht finanzieren lassen.“ Allerdings, das Beispiel Ziegler zeigt es, gibt es eben auch einige wenige Patente, aus denen sich tatsächlich große Einnahmen erzielen lassen. Die Devise von Ferdi Schüth: „Man muss sehr, sehr viele Erfindungen anmelden, desto größer ist die Chance, dass einmal ein solcher Fall darunter ist.“