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Stellungnahme

Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert

17.09.2009 | 18:38 Uhr

Mülheim. Zentralrat der Juden und Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen appellieren an Roberto Ciulli, Leiter des Theaters an der Ruhr, das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" abzusetzen. Auch die Neuinszenierung stelle Juden zu klischeehaft dar, "geradezu menschenverachtend".

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Jüdische Gemeinde Dusburg-Mülheim-Oberhausen appellieren an Theaterleiter Roberto Ciulli, das umstrittene Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" abzusetzen. Das geht aus der folgenden Stellungnahme des Zentralrates der Juden hervor:

"Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen, Jacques Marx, der Geschäftsführer Michael Rubinstein und der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, führten am 15.09.09 in Mülheim mit dem Regisseur des Theaters an der Ruhr, Dr. Roberto Ciulli, und dem Dramaturgen Helmut Schäfer ein Gespräch hinsichtlich der Kontroverse um die geplante Aufführung des Fassbinder-Stücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Die Vertreter der jüdischen Gemeinschaft nahmen das Angebot wahr, an einer der Proben der noch nicht ganz fertiggestellten Aufführung für die geplante Premiere des Stückes am 01.10.09 beizuwohnen.

Karikaturen statt Charaktere

Regisseur Roberto Ciulli. © : Andreas Mangen / WAZ

Der Versuch von Regisseur Dr. Roberto Ciulli im Rahmen seiner Neuinszenierung einen mahnenden Charakter gegen Antisemitismus und die Verbreitung von Klischees und Vorurteilen gegenüber Juden aus dem Fassbinder-Stück zu gewinnen, ist jedoch nach Ansicht von Generalsekretär Kramer, trotz erkennbarer Anstrengungen, gescheitert. „Das Fassbinder-Stück“, so Kramer, „stellt Charaktere schablonenhaft und mit den üblichen Klischees behaftet dar und auch die Neuinszenierung entlarvt diese Klischees nicht. Die Reduzierung von Menschen auf Karikaturen, wie Fassbinder es bezweckt, ist in der geplanten Aufführung durchgängig vorhanden und zutiefst unmenschlich, ja menschenverachtend.“

„Trotz aller Bemühungen des Regisseurs, das Gegenteil zu bewirken, bleibt der Zuschauer mit dem Bild eines reichen, raffgierigen und zerstörerischen Juden zurück, der sein Werk noch dazu auf dem Fundament des Schuldvorwurfs gegen Deutschland vor dem Hintergrund des Holocausts heimtückisch verrichtet“, so Kramer.

"Eine Beleidigung aller Toten"

Umstritten: "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder. (c) AFP

„Der auf der Bühne gesprochene Satz: ,Hätte man ihn doch vergast, ich könnte heute ruhiger schlafen', ist auch heute noch eine Beleidigung aller Toten und unerträglich für die Überlebenden der Shoa, des nationalsozialistischen Massenmordes“, so Generalsekretär Kramer. Daran ändert auch die aufklärerische Absicht des Regisseurs Dr. Ciulli im Gesamtkontext nichts. „Der Zweck heiligt noch lange nicht die Mittel“, meint Jacques Marx.

„Es bleibt das Geheimnis des Regisseurs, worin sich die Absicht begründet, ausgerechnet mit diesem Stück einen Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus leisten zu wollen, einem Stück, das zu einem der größten Kulturkämpfe in der deutschen Nachkriegsgeschichte geführt hat und seinerzeit bei der geplanten Aufführung 1985 in Frankfurt/Main bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auf massivem Widerstand stieß“, so Generalsekretär Kramer. Damals hatte auch der spätere Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis sel. A. mit Empörung auf die geplante Aufführung des Fassbinder-Stückes reagiert.

"Schockiert und wütend"

„Allein die Tatsache, dass Juden heute auf diese Zusammenhänge und vor allem die Gefühle der Überlebenden und ihrer Angehörigen im Angesicht einer solchen Aufführung hinweisen müssen, lässt uns schockiert und wütend zurück“, kritisiert Jacques Marx.

„Der Versuch, dem von Fassbinder geschriebenen Stück, das er selbst als Parabel der politischen Realitäten bezeichnete, eine aufklärerische Zielsetzung zu verleihen, die Antisemitismus entlarvt und damit bekämpft, muss als gescheitert angesehen werden. Das Theater an der Ruhr sollte sich dies eingestehen und aus Respekt vor den wenigen Überlebenden des Holocaust und der Millionen von Toten auf die Aufführung verzichten“, sind sich Marx und Kramer einig.

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Kommentare
01.10.2009
20:27
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #50

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

29.09.2009
23:18
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von geronimo975 | #49

noch ein Tipp dazu:
http://www.hagalil.com/archiv/2009/09/17/fassbinder/

29.09.2009
23:16
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von geronimo975 | #48

zum nachlesen kann man auch hier mal nachschauen:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,647712,00.html

29.09.2009
23:11
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von geronimo975 | #47

Seltsam, dass man sich hier über die Aufführung eines Stückes so aufregt, welches schon in Tel Aviv aufgeführt werden durfte.

29.09.2009
17:57
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von der antichrist | #46

bin ich als atheist eigentlich antisemit, auch wenn ich ob juden moslems christen oder was auch immer alle die heute noch an einen gott glauben für bekloppt halte?

in dem moment in dem man stereotype breittreten kann kann man sie ins lächerliche ziehen womit früher oder später diese entkräftet werden und mit ihnen quasi aufgeräumt wird

24.09.2009
15:47
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von Prager | #45

Zuschauer bleibt mit dem Bild eines reichen, raffgierigen und zerstörerischen Juden zurück ,
so der Vorwurf.

Frage: Gibt es diese nicht oder ist das nicht sogar typisch? Der Versuch alles verbieten zu wollen was einen Juden mit seinen negativen Eigenschaften zeigt ist krankhaft. Patient ist aber vermutl. unhelibar.

Fassbinder war eine herausragende Persönlichkeit. Ohne diesen Lärm um eine Aufführung in der Provinz hätten viele gar nicht vernommen dass der Staat BRD Stücke verboten hat, der Staat der dies bei der DDR kritisiert hat. Nun wenn nach der Wende Filme mit Manne Krug gezeigt werden im Osten dann soll man auch Stücke von Fassbinder bringen die bisher nicht aufgeführt wurden in Deutschland.

21.09.2009
16:04
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von Bernhard Deutsch | #44

Das Theater an der Ruhr verschlingt nicht 80 % des Mülheimer Kulturetats. Die Reisen des Theater an der Ruhr werden nicht von der Stadt Mülheim finanziert. Worte wie schmierig und seniler Greis zeigen den Geist, den Fassbinder ins Licht stellte - beleidigend gegen andere, mit persönlichen Verunglimpfungen arbeitend, Würde abschneidend , mit Worten mordend und hetzend, niemals sachlich und immer wieder von der Farbe her fäkalisch. Es stinkt einem entgegen und verursacht Übelkeit.

20.09.2009
23:47
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von Kanzlerkandidat | #43

#39 Bin Aden
Antwort: siehe erste Zeile.

20.09.2009
23:37
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von Bin Aden | #42

@ Kanzlerkandidat #38

Wo hasse datt denn abgeschrieben ? Biss wohl son Zionistenfreund, oder ?

20.09.2009
18:41
Absetzung von Fassbinder-Stück gefordert
von Kanzlerkandidat | #41

Nur mal so zur Erinnerung:

DIE ZEIT 38/1998: „Die Büchse der Pandora“

Die Wiederauflage des Fassbinder-Streits (…) Wenn Fassbinder damit auch sicher keine Judenfeindlichkeit schüren wollte, so strotzt sein Stück doch von haarsträubenden Klischees - nicht nur über Juden, auch über die Motive des Antisemitismus. Es hat weit mehr mit der spezifischen Verdrängungsgeschichte der Linken in Bezug auf ihre verdeckten antijüdischen Vorurteile zu tun als mit irgendeiner gesellschaftlichen oder sozialen Realität. Mitte der siebziger Jahre, als Der Müll, die Stadt und der Tod entstand, tobte in Frankfurt der sogenannte „Häuserkampf“. (…) Der Kampf ums Westend entwickelte sich zur Mutter aller Schlachten der militanten, linksradikalen Frankfurter Spontis (deren Wortführer Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer waren). (…) Zu den Frankfurter Bauspekulanten gehörten auch Juden. (…) Ausgerechnet junge Linke stellten nun einen jüdischen Bürger, der den Holocaust überlebt und sich in der Nachkriegsbundesrepublik zurechtgefunden hatte, als Inbegriff ausbeuterischen, raffenden Kapitals an den Pranger und reproduzierten damit indirekt einen Topos des Antisemitismus. Dass die jungen Linken dies mit dem guten Gewissen des revolutionären Antikapitalismus taten, machte die Sache nicht weniger bedenklich. Wenn schon den politisch angeblich so bewussten Linken, zu denen auch eine Reihe von jungen jüdischen „Antizionisten“ gehörten, die untergründige Implikation ihrer Feindprojektion entging, wie groß musste die Insensibilität für die Lage überlebender Juden in Deutschland erst in der legendären schweigenden Mehrheit der Bevölkerung sein? (…) „Der Reiche Jude ist ein rücksichtsloser Immobilienspekulant, der für seine Profitmaximierung Menschen auf die Straße werfen lässt und dafür entsprechend gehasst wird. Seine halbkriminellen Machenschaften werden von der Stadtverwaltung und der Staatsmacht aus Korruptheit und feigem Philosemitismus gedeckt. (…) In Fassbinders antikapitalistischem Horrorgemälde erscheint das schlechte Gewissen der Deutschen, ihre Angst vorm Imageschaden bei Antisemitismusverdacht, als Wettbewerbsvorteil für jüdische Geschäftemacher. (…) Das Stück ist von sozialem Realismus meilenweit entfernt. Seine Wirklichkeit ist die überhitzte Treibhausatmosphäre eines epigonalen Expressionismus. Die Welt, die Fassbinder zeigt, ist ein Pandämonium, bevölkert von manieristisch überhöhten Kunstfiguren. Ausbeutung, Bosheit, Haß, Gewalt sind hier Symptome einer fieberhaften Sucht nach Liebe, die im Moloch der sündig lockenden, brutalen Großstadt unerfüllbar bleiben muss. (…) Der Müll, die Stadt und der Tod ist ein Sammelsurium grell übersteigerter Motive aus dem Fundus zivilisationsphobischer literarischer Apokalyptik. Freilich ohne den Hoffnungsschein der katastrophischen Reinigung: Die Erde ist so unbewohnbar wie der Mond lautet der Titel eines Romans von Gerhard Zwerenz, dem Fassbinder einige seiner Hauptmotive entnahm. Der Filmemacher variiert damit seine Obsession: den Zusammenhang von Gewalt und Sexualität. Die antisemitischen Hetzreden des Franz B. entspringen seinem Sozial- ebenso wie seinem Sexualneid aus Verzweiflung wird er gar noch homosexuell. Der ideelle und ästhetische Horizont des Stückes ist der einer längst verblichenen Periode: der Spätzeit der alten Bundesrepublik. Es ist die Zeit des beginnenden Utopieverlusts der radikalen 68er-Linken und der aufkommenden Weltuntergangsstimmung, die das revolutionäre Veränderungspathos ersetzte. (…) Der erste öffentliche Streit um Fassbinders Stück brach schon bei der Erstveröffentlichung des Textes im Jahre 1976 aus. Damals beschuldigte Joachim Fest, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den Autor des „linken Antisemitismus“. Dieser Vorwurf schien zutiefst paradox: War nicht die Linke der berufene Anwalt aller Unterdrückten und Schwachen? War sie nicht der natürliche Feind aller Formen von Faschismus und damit automatisch aller judenfeindlichen Ressentiments? Nun war Fassbinder kein Linker, er war überhaupt kein politischer Mensch. (…) Was aber könnte unter den gewandelten Verhältnissen (…) der Gewinn einer neu aufgelegten Fassbinder-Debatte sein? Die Westlinke hat ihren unreflektierten Antikapitalismus von einst längst in Frage gestellt. (…) Aber der apokalyptische antikapitalistische Affekt ist deshalb nicht verschwunden. Im Gegenteil. Die Strukturkrise in den östlichen Bundesländern wird in weiten Teilen der Bevölkerung dort als Folge einer manchesterkapitalistischen Überwältigung durch den Westen betrachtet. Nicht nur die PDS spielt auf der Klaviatur dieser Affekte. Auch die Rechtsradikalen knüpfen bewusst an die Überreste marxistischleninistischer Ideologie im Bewusstsein der Ex-DDR-Bevölkerung an. Sie agitieren gegen westliche, liberalistische „Dekadenz“, gegen die „internationale Herrschaft des Finanzkapitals“, gegen die „Eroberung“ der Ex-DDR durch die Lakaien der „anglo-amerikanischen Siegermächte“. Die DDR, sagen neuerdings führende Funktionäre der NPD, sei das „bessere Deutschland“ gewesen, weil sie sich gegen die „Artüberfremdung“ abgeschottet habe und sich das „deutsche Erbgut“ daher reiner habe erhalten können als im kosmopolitisch aufgelösten Westen.
Die Realität übersteigt aber längst alles, was Fassbinder in seinen düsteren Visionen ausphantasiert hat. Die Vorstellung, man brauche ihn, (…) ist ebenso grotesk wie die Befürchtung, die Aufführung seines verstiegenen Dramas könne den schlafenden Tiger des Antisemitismus wecken, hoffnungslos anachronistisch ist. (…) Fast sehnt man sich danach, dass Der Müll, die Stadt und der Tod endlich zum Repertoirestück wird. Dann wird man es in seiner ganzen aufgeplusterten Harmlosigkeit erkennen und getrost vergessen können. Die Frage bleibt allerdings, warum es keine aktuelle deutsche Dramatik gibt, die sich den bedrohlichen gesellschaftlichen und sozialen Verwerfungen der Gegenwart gewachsen zeigt. Aber das ist schon ein anderes Thema.

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