Zum Eierkochen raus zur Blubberquelle

Fröndenberg/Neuseeland..  Bieke und Martin Kostrewa sind im Dezember mit ihren drei Töchtern Emmie, Marie und Sofie aus Fröndenberg nach Neuseeland ausgewandert (die WP berichtete). Exklusiv für die WP berichtet der Arzt, wie es der Familie in der ersten Wochen „down under“ ergangen ist.

„Nachdem die Reise mit den Kiddis erstaunlich gut verlief und sie fast den gesamten Flug von Dubai nach Melbourne geschlafen haben, bekamen wir dort vor dem Anschlussflug nach Neuseeland noch Probleme, denn mein Visum tauchte nirgendwo auf. Es war zwar als Original in den Pass eingeklebt, aber das galt irgendwie nicht. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, meinen Pass in der Datenbank zu finden, und Telefonaten mit verschiedenen Supervisern, wollte die Frau am Check-In dann die Immigration-Behörde in Neuseeland anrufen und den Vorfall melden, versuchte dann aber noch einmal, bei der manuellen Eingabe eine Null statt ein O einzugeben. Dann funktionierte es, und alles war gut.

Müdigkeit hilft aber gegen Aufregung, und so konnten wir dann auch ohne Probleme später in Auckland durch die Kontrollen. Mein Chef und seine Frau warteten schon und fuhren uns dann heim zu sich, wo wir das Wochenende bleiben konnten, und wir bekamen auch Hilfe bei der Wohnungssuche und Beschaffung einen Autos. Danach wurden wir auf Kosten des Arbeitgebers zwei Wochen in einer Ferienwohnung untergebracht und konnten von dort alles Notwendige regeln, wie die Verzollung und Biosecuritykontrolle des Containers und den Transport des Umzugsgutes vom Hafen nach Rotorua.

In der Schule viel Lesen, wenig Mathe

Wegen des momentan nicht so günstigen Wechselkurses des Euros war unser mitgebrachtes Barvermögen schnell verbraucht, und mein Chef meinte nur: Du bekommst doch Umzugsgeld, sprich doch mal mit der Praxismanagerin. Die zahlte dann ohne Nachweise den Maximalbetrag aus und meinte nur: „Martin, wir möchten, dass du dich hier wohl fühlst“. Wenn man aus Deutschland kommt und so etwas vom Arbeitgeber hört, dann macht man sich fast Sorgen, dass er irgendwelche Substanzen zu sich nehmen könnte. Wie ich aber von Patienten weiß, sind längst nicht alle Arbeitgeber so, und wir haben Glück mit unserem. Eigentlich sind es ja mehrere, denn es ist eine Praxisgemeinschaft mit mehreren Teilhabern und mit mir vier angestellten Hausärzten.

Nach einer Organisations- und Urlaubsfrist von drei Wochen fingen dann gleichzeitig Kindergarten für Emmie, Schule für Marie und Sofie und Arbeit für mich an. Das war am Anfang ermüdend, denn Arbeit oder Schule in einer fremden Sprache darf man nicht unterschätzen. Sofie wurde altersentsprechend in die dritte Klasse eingestuft, da hier die Schule individuell am 5. Geburtstag beginnt und die Kinder an dem Tag in die Schule gesteckt werden. So hat Sofie einen riesigen Rückstand, aber die Rektorin war da entspannt und meinte, dass die das ganze Jahr hinterherlaufen würde, aber das dann schon schaffen würde. Nach einem ziemlich holprigen Start scheint sie aber recht zu haben.

Marie ist in die erste Klasse eingeschult worden und lernt auch das Englisch mit dem typischen Neuseeland-Dialekt. Das ist witzig zu hören. Beide Kinder sind in einer Fördergruppe mit anderen Immigranten, um Englisch aufzuholen. Emmie lernt alles ganz gemütlich im Kindergarten. In der Schule wird viel Wert auf Lesen und Schreiben gelegt, Mathe hat hier nicht so einen großen Raum. Computer sind schon früher Begleiter, und die Lehrerin kommuniziert viel via E-Mail mit dem Eltern.

Privatversicherung ist teuer

Da wir ein 30-Monate-Arbeits-Visum haben, konnten wir uns normal als Patienten in einer Arztpraxis einschreiben, denn jeder Patient braucht hier einen Hausarzt, bei dem alles Gesundheitstechnische zusammenläuft und Überweisungen getätigt werden. Das gilt auch für Ärzte, denn wenn man im staatlichen Gesundheitssystem eine weiterführende Behandlung braucht, muss das der Hausarzt machen. Man kann aber auch privat bezahlen oder eine Privatversicherung abschließen, aber das ist teuer. Der Facharzt nimmt dann schon einmal 300 Dollar die Stunde, was bei der hiesigen Kaufkraft etwa das Vergleichbare in Euro ist.

Lebensmittel sind hier im Mittel auch teurer als in Deutschland, und daher wird viel selbst eingekocht oder weiterverarbeitet. Paprika wird hier im Winter zum Luxusgut, da es kein Holland oder Spanien in der Nähe gibt.

Wir zahlen 365 Dollar Miete die Woche in unserem 3-Zimmer-Küche-2-Bäder-Haus mit Solarwasserheizung, wobei alles außer Strom, Telefon und Hausratsversicherung im Mietpreis enthalten ist. Wir hatten Glück mit der Lage, denn Schule und Kindergarten sind in Gehentfernung, und die Praxis kann ich gemütlich mit dem Fahrrad erreichen, was ein Auto spart. Das Auto haben wir von einem Bauern gekauft, und die Ummeldung konnten wir im Post Office in fünf Minuten erledigen. Bei der Versicherung wurde ein Automobilclubrabatt anerkannt und die Mitgliedszeiten im deutschen ADAC wurden übernommen.

Meine Arbeitszeiten sind von 8 bis 17.30 Uhr, wobei die Sprechstunde erst um 9 Uhr beginnt. Patienten sind bis auf wenige Ausnahmen nicht verwöhnt und meistens zufrieden, wenn alles irgendwie funktioniert. Es kommt dann auch schon mal vor, dass jemand barfuß kommt, wie neulich der Pastor. Das ist hier nichts Ungewöhnliches und die Toleranz gegenüber verschiedenen Kleiderordnungen ist groß.

Jahreskarte fürs Thermalbad

Bieke kann hier ihre Krankenschwesternausbildung nach einem Auffrischungskurs anerkennen lassen, aber mit dem Visum, das wir gerade haben, ist das fast unbezahlbar. Mit der Daueraufenthaltsgenehmigung ist der Preis etwa ein Fünftel. Auch hier hat man die Möglichkeiten des Marktes erkannt.

Die Natur ist speziell. Hier im geothermalen Zentrum von Neuseeland in der Rotorua-Taupo-Region gibt es viele heiße Quellen, Geysire, Schlammblubberquellen, Fumarolen, ruhende Vulkane, Thermalbäder und Schwefelgeruch. Die Kinder fanden das zuerst befremdlich, jetzt fragen sie immer wieder, um „Blubber“ oder heiße Quellen zu sehen. Eine Jahreskarte für ein Thermalbad haben wir uns auch schon besorgt und fahren dort regelmäßig hin. Wenn Besuch kommt, fahren wir immer zu einer Stelle am Kerosine-Creek, wo man im warmen Bach baden kann und um eine Ecke weiter Eier in heißen Miniquellen kochen kann.

Kinder haben Spaß am Wandern

Wanderwege gibt es jede Menge, vor allem durch Busch- und Waldgebiete, die meist vom Department of Conservation unterhalten werden. Es ist erstaunlich sauber in den Wäldern, auch an den Wegen, wo viele Touristen unterwegs sind. Einzig Fallen mit Giftködern für Opossums, Ratten und Hermeline sind strategisch verteilt ausgelegt, denn die mag man hier gar nicht, da sie den nativen Tierbestand gefährden.

Die Kinder haben tatsächlich auch Spaß am Wandern, was es uns ermöglicht, kleinere Wanderungen bis sieben Kilometer auf den Plan zu setzen, und Sofie hat mich noch einmal ermahnt, dem Mann von der Zeitung zu sagen, dass er unbedingt schreiben soll, dass die drei Kinder auf den Rainbow Mountain gewandert sind.

Es fehlt schon Einiges, was wir aus Deutschland gewohnt sind, aber damit wird man fertig. Sauerkraut machen wir im Herbst, mit dem Brot müssen wir warten, bis wir einen besseren Ofen haben, Bergkäse gibt es dann im Urlaub, und die Verwandten und Freunde von daheim bleiben ja mit E-Mail und Skype in der Nähe. Für alle geht das Leben ja weiter, und wenn wir nach Ablauf des Visums keine Daueraufenthaltsgenehmigung bekommen haben, kommen wir wieder zurück, und die Kinder können dann schon gut Englisch sprechen.“