Wind pfiff durchs Dach und der Kaiser war „abgelegt“

1908 stand Kaiser Wilhelm noch hoch im Kurs bei den Mendenern. Ihre Kaiser-Wilhelm-Höhe nicht minder. So schön frei prangte der 1905 eingeweihte Prachtbau über der Stadt. Ohne Einengung, noch ohne Bebauung rechts und links, mit Wegen zum Flanieren.
1908 stand Kaiser Wilhelm noch hoch im Kurs bei den Mendenern. Ihre Kaiser-Wilhelm-Höhe nicht minder. So schön frei prangte der 1905 eingeweihte Prachtbau über der Stadt. Ohne Einengung, noch ohne Bebauung rechts und links, mit Wegen zum Flanieren.
Foto: WP

Menden..  1939. Schützenfest der von den Nazis zwangsvereinten Vereine „Mendener Bürger-Schützen-Verein von 1604“ (MBSV) und „Bürger-Schützen-Bund“ (BSB). Das letzte auf der Wilhelmshöhe vor dem 2. Weltkrieg (Ausbruch 1. September 1939). Bereits auf diesem Volksfest lockte die „Raketenfahrt zum Mond“ die Mendener an. In den folgenden Kriegsjahren flogen richtige Raketen, aber nicht zum Mond, sondern über den Kanal „gen Engeland“. Zehn Jahre später, 1949, wieder ein Volksfest auf der Höhe. Eines für Stühle, weil es von denen kaum noch welche gab.

Dazwischen eine bewegte Zeit, die der Kaiser-Wilhelm-Höhe überhaupt nicht gut getan hat. Erst 1905 gebaut und dennoch in wenigen Jahren durch zwei Weltkriege so gebeutelt. Den Namen hat sie behalten, nur den „Kaiser“ abgelegt. Prunk hatte sie auch nicht mehr.

Hallen-Fußbodendrohte einzufallen

Zeitungsberichte von 1950 könnten auch aus einer Büttenrede der Karnevalisten stammen, kommen in Wahrheit aber aus einem Geschäftsbericht. Hören wir mal rein: „Man erinnere sich, wie die Wilhelmshöhe noch im Jahre 1949 ausgesehen hat. Allein an den Zustand des Gebäudes. Noch 1950 tröpfelte von der Veranda-Decke der heiß gewordene Teer in die Biergläser. Im großen Saal grüßten die Kunstwerke der Besatzungsmacht: Der Fußboden drohte einzufallen und lustig pfiff der Wind durch die nicht mehr vorhandenen Fenster hinein und aus den Löchern des Daches hinaus.“

Das war kein Schwelgen in angenehmen Gedanken, das war Galgenhumor, der da von den Berichterstattern verbreitet wurde: „Man musste artistische Kletterübungen beherrschen, wenn man mit ungebrochenen Beinen über die so genannte Freitreppe die Festräume betreten wollte. Die linke Treppe zur Höhe konnte nur als Rutschbahn benutzt werden.“

Wenn einer Geduld bewiesen hat, war das Wolfgang Roch. Er hat sich durch die umfangreichen Geschäftsberichte und Protokolle des MBSV „gebissen“ und so manches ans Tageslicht befördert, das uns über die Kriegs- und Nachkriegsjahre staunen lässt.

Nur vorgesehen alsReserve-Lazarett

Im „Herold“, dem offiziellen Organ der Mendener Bürgerschützen, hat Roch seine Erkenntnisse festgehalten. Sofort wird beim Lesen erkennbar, wie der Krieg ins Geschehen eingriff. Das begann schon mit der Heeres-Standortleitung Iserlohn, die nach Deutschlands Angriff auf Polen für die Wilhelmshöhe ein Reserve-Lazarett mit 120 Betten vorsah. Das, so hoffte sie, werde wohl genügen bis zum „Endsieg“. Immerhin, die Heeres-Neubauleitung installierte im Restaurant der Höhe eine Warmwasseranlage mit zwei Waschbecken. Zehn weitere gusseiserne Waschbecken wurden im Kleinkaliber-Schießstand installiert und, wie überall in der Stadt bindend vorgeschrieben, wurde ein Luftschutzkeller eingerichtet. Damit feindliche Flieger nur ja keinen Schaden anrichteten, legte man im Park ein Rote-Kreuz-Kennzeichen aus Ziegelsteinen aus.

Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich schien alles seinen geordneten Gang zu gehen. Die Schützen erhielten ihre Höhe zurück, planten schon eine Umgestaltung der Haupteingangstreppe, als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 Russland angriff.

„GefangenenlagerSchützenhöhe e.V.“

Danach war die Wilhelmshöhe über Jahre für die Schützen verloren. Sie hieß bei den Nazis während des Krieges offiziell „Gefangenenlager Schützenhöhe e.V.“. Eine Arbeitsgemeinschaft, besser eine Interessengemeinschaft, von Industrie und Handwerk trat an den ebenso offiziell „Vereinsführer“ genannten MBSV-Vorsitzenden Ernst Remes (1883-1954) heran. Sie wollte die Säle pachten und 200 Gefangene im großen Saal unterbringen. Für die Wachmannschaft war der kleine Saal vorgesehen. Letztlich mietete diese Interessengemeinschaft ab 1. Januar 1943 Räume für 400 französische Gefangene und Arbeiter.

Es war das System Stalag, Stammlager für kriegsgefangene Soldaten. Die Wilhelmshöhe war die Betriebsstätte für 400 Franzosen, die u.a. in den Schmöle-Werken Zwangsarbeit leisten mussten, aber auch bei Kaufleuten. Als weitere Betriebsstätten wurden die Rheinkalk-Werke in Oberrödinghausen und die Stadtziegelei an der Galbreite genannt. Elmar Dederich aus Lendringsen hat verdienstvoll dieses Thema Stalag aufgearbeitet.

Abbe Arnaud konntesich frei bewegen

Stalag betraf auch die Höhe-Schützen nachhaltig. Für die Betreuung der Franzosen war der Abbe Marcel Arnaud zuständig: Dieser französische Geistliche sorgte sich um das Seelenheil seiner Landsleute in Menden und Hemer auf sehr intensive Weise. Auf der rechten Kegelbahn der Höhe ließ er eine kleine Gebets-Kapelle einrichten und feierte mit seinen gefangenen Landsleuten die hl. Messe. Von diesem Altar gibt es ein Foto, das der Vater von Fritz Bockelmann (Fotostudio) gemacht hat. „Das ist ganz sicher,“ sagte er mir, „ich bin selbst dabei gewesen“. Messgewänder und Liturgie-Geräte erhielt Abbe Arnaud von Mendener Kirchen. Er konnte sich anscheinend frei bewegen. Margarete Schmidtberg geb. Bieker, Küsterin von St. Vincenz, hielt heimlich engen Kontakt mit ihm und wusste schon früh, von wo die Amerikaner nach Menden einrücken würden (s. „Mendener Geschichten“ Band I).

14. April 1945, Ende des Krieges in Menden. Der Schützenverein als militärähnliche Organisation wurde aufgelöst. Die Säle der Höhe standen leer, verwahrlosten noch mehr. Das gesamte Inventar verschwand, auch Tische und Stühle. Vorab hatte schon die englische Besatzungsbehörde 150 Stühle beschlagnahmt. Die weitere Zweckentfremdung der Wilhelmshöhe war der bedrückenden Notlage angepasst. In den vielen Nebenräumen der Höhe kamen Familien unter, auf der Kegelbahn der Kinderhort der Gemeinde St. Vincenz. Ab 15. November 1946 wurden Küche und Restaurant als Volksküche genutzt.

Schützen wolltendie „Höhe“ zurückhaben

Trotz aller Not wollten die „ehemaligen Schützen“ ihre Wilhelmshöhe wieder zurück haben, auch zum Wohle der Bürger: Die Freigabe der Höhe wurde der Stadt am 11. November 1948 genehmigt, die daraufhin den Gastwirt Alfred Holle mit der Einrichtung eines Wirtschaftsbetriebes beauftragte. Die Stadt investierte sogar 45 000 Mark für die Beseitigung von Schäden an der Halle.

Doch das reichte nicht aus, um die Höhe mit Leben zu füllen. Im Jahr 1949 war der Bürgerschützenverein noch im Vereinsregister gelöscht, sein Vereinsvermögen noch beschlagnahmt. Die Stadt war als vorläufige Pächterin eingesetzt. Der MGV 1869 (Gesangverein) und der SuS Menden 09 feierten als erste ein größeres Fest auf der Höhe, und mussten vorab erst einmal mit dem Manko fertig werden, dass sie nicht alle Gäste würden unterbringen können: Es fehlten nicht weniger als 1000 Stühle. Zwei Schützen, die noch gar nicht als solche auftreten durften, baten daraufhin die Stadt um die Vorleistung von 10 500 DM, um Stühle und Tische anschaffen zu können. Geschenkt wollten sie das Geld nicht haben, aber „haben Sie Vertrauen zu den Bürgern,“ sagten sie. „Die Bürgerschaft gibt ihnen das Geld zurück.“ Die Tageszeitungen verrieten später, wie es weiter ging: Leute aus allen Vereinen und zahlreiche „alte“ Schützen setzten sich an einen Tisch.

Teil II: Pächter nachfünf Jahren pleite

Und dann schloss sich der Kreis: 1939 letztes Schützen- und Volksfest vor dem Krieg. Zehn Jahre später feierten auf Anregung von Stadtdirektor Wilhelm Saurbier alle Mendener Vereine am 1. und 2. Oktober 1949 erneut ein Volksfest, um von dem Erlös Tische und Stühle zu bezahlen. Regie hatte Max Schmitz, der spätere Bürgermeister von Menden. Das Fest erbrachte einen Barerlös von 5000 DM, die der Stadt schon mal zurückgezahlt werden konnten.

Vorläufiges Ende der Notzeit: Am 19. Dezember 1949 gründete sich der „Bürgerschützenverein zu Menden e.V“ mit Genehmigung des Kreis-Residenzoffiziers wieder.

In Teil II geht es um Christian van B., der die Höhe 1951 gepachtet hatte und 1956 in Konkurs ging. Ein Vorgang, der die Gerichte und die Tageszeitungen in epischer Breite beschäftigte.