Wenn Ziegenböcke gegen einen Troll kämpfen

Menden..  Es besteht ein riesengroßer Unterschied zwischen dem Vorlesen und dem Erzählne von Märchen und Geschichten. Die Vorsitzende der europäischen Märchengesellschaft, Sabine Lutkat, macht diesen Unterschied regelmäßig in Seminaren deutlich. Am Wochenende machten sechs Frauen aus Menden, Iserlohn und Dortmund mit bei einem Übungskursus zum Märchenerzählen.

Samstagmorgen, 9 Uhr. Im ersten Stock der Dorte-Hilleke-Bücherei begrüßt Sabine Lutkat ihre Kursteilnehmerinnen. Die Hälfte von ihnen sind Wiederholungstäterinnen, haben bereits letztes Jahr mitgemacht. „Die Fähigkeit, Märchen wirklich erzählen zu können, ist für uns Abwechslung vom Alltag“, erzählen die Damen übereinstimmend. Es überrascht fast, dass keine von ihnen Lehrerin oder Erzieherin ist. Sie arbeiten im sozialen Bereich, beim Finanzamt oder sind Rentnerinnen.

Auf dem Programm steht ein Märchen aus Norwegen. Darin wollen drei Böcke zu einer Alm, um sich den Sommer über eine ordentliche Fettschicht an zu futtern. Auf dem Weg müssen sie eine Brücke passieren. Darunter wohnt ein fieser Troll, der die Tiere fressen will. Mit Mut und Kampfgeist gelingt es, den Troll zu besiegen.

Was passiert beim Lesen eines Märchens? Im Kopf entstehen Bilder, die Geschichte bekommt eine bestimmte Struktur. Diese müssen die potenziellen Märchenerzählerinnen sich erst einmal klar machen. Also verteilt Sabine Lutkat Papier und Stifte und fordert die Gruppe auf, das erste konkrete Bild zu Papier zu bringen.

Im Kopf entstehen Bilder

In einem nächsten Schritt tauschen sich die Erzählerinnen aus, was einen Troll charakterisiert. „Trolle kommen in europäischen Erzählungen nicht vor, sie entstammen dem skandinavischen Kulturkreis“, erklärt Sabine Lutkat. Der Kurs einigt sich darauf, dass Trolle große, hässliche, behaarte Ungeheuer sind, die fürchterlich stinken. Bei einer weiteren Malrunde verpassen alle Damen ihren Trollen unabhängig voneinander lange, gelbe Zähne. Auch halten sie ihre Bilder größtenteils in dunklen Farben. „Rosa passt ja nun einmal gar nichts zu einem Troll“, sind sich alle einig.

Wer schon einmal ein Märchen vorgelesen hat, hat sicherlich jedem Charakter eine andere Stimme gegeben. Beim Erzählen geht es noch einen Schritt weiter. „Ihr müsst mit eurer Erzählweise nicht nur Bilder schaffen, ihr müsst sie vermitteln“, gibt die Märchenerzählerin einen wichtigen Hinweis. Da passt es also nicht, einen großen, abscheulichen Troll mit piepsiger Stimme zu sprechen.

Als es schließlich ans Erzählen geht, wird es mucksmäuschenstill im Raum. Die Ausgelassenheit von eben ist wie weggeblasen. Keine möchte den Anfang machen. Die Damen halten sich an ihren Zetteln fest beginnen reihum mit dem Wiedergeben der Geschichte.

Noch einmal frei erzählen

Nach dem ersten Durchgang bittet Sabine Lutkat ihre Kursteilnehmerinnen, alles aus den Händen zu legen, und noch einmal zu erzählen. Zunächst noch etwas verhalten variieren die Damen Stimmfarbe, Lautstärke und Dynamik beim Erzählen. Klar, die Bosheit und Gefährlichkeit des Trolls muss anders klingen als die Ängstlichkeit der Böcke. Zwei Damen nehmen plötzlich eine ganz andere Körperhaltung ein. Sie sitzen nicht mehr kerzengerade auf ihren Stühlen, nehmen die Hände zur Hilfe. Auch die gesamte Mimik ändert sich. Die Abscheu vor dem Bösen in Gestalt des Trolls spiegelt sich wider.

„Wenn ihr in der Geschichte und den Bildern drin seid, kommt das von ganz alleine. Ihr müsst euch auch nicht sklavisch an die Textvorgabe halten, man variiert ja schließlich automatisch“, freut sich die Dozentin über die Fortschritte ihrer Mädels.

Man dürfe das professionelle Märchenerzählen nicht mit der Arbeit eines Schauspielers verwechseln. „Ein Schauspieler gibt vor, ein Märchenerzähler zu sein. Wir tun nicht so, wir werden zum Erzähler“, stellt Sabine Lutkat klar. Die Erziehungswissenschaftlerin wünscht sich, dass die Menschen viele Anregungen aus ihren Kursen mitnehmen. Niemand hat den Anspruch, als Vollprofi nach Hause zu gehen. Aber alle gehen mit vielen Ideen. Selbst, wenn es nur das Wissen darum ist, einem Kindergartenkind anders zu begegnen als einem Zweitklässler. Die ganz Kleinen fürchten sich meistens schneller.