Vergnüglicher Blick in den Spiegel

Jens Neutag im Theater Am Ziegelbrand.
Jens Neutag im Theater Am Ziegelbrand.
Foto: WP

Menden..  Das „Deutschlandsyndrom“ stellte Jens Neutag als kollektive psychisch-neurotische Deformation der Deutschen am Donnerstagabend auf der Bühne des Theater Am Ziegelbrand in seinem neuen Programm vor. Im Gegensatz zu den vielen komödiantischen Pappnasen der vielen Comedysendungen im Fernsehen, die man manchmal nur sich fremd schämend ertragen kann, wirkt er erfrischend unverbraucht. In einer gekonnten Mischung aus Comedy und Kabarett hielt er dem Publikum und der deutschen Meckergesellschaft den Spiegel vor.

Die Altsozialisten nahm er in Anspielung auf Altkanzler Helmut Schmidt aufs Korn: „Wir wilden Vögel haben damals sogar in geschlossenen Räumen geraucht.“ Danach seien nur noch Leute wie Gerhard Schröder gekommen: „Der Gasableser Putins“.

Zwischendurch las Jens Neutag aus seinem psychotherapeutischen Tagebuch „Schreiben statt Schreien“ vor. Dunkel zeichnet er die Zukunft der Gesellschaft des digitalen Zeitalters: „Wir haben zwar ein Grundrecht auf Geheimnisse, trotzdem wird uns von Google und NSA hemmungslos am Computer über die Schulter geschaut.“ Niemand würde protestieren denn: „Wenn der Deutsche nichts sieht, dann ist da nichts.“

Scharfe Beobachtungsgabe

Neutags scharfsinnige Beobachtungsgabe zeigte sich, als er zum Thema des pathologischen „Fetisch der Fettlosigkeit“ deklamierte. Der Deutsche bete zum Götzen der Fettlosigkeit, betreibe sportliche Selbstkasteiung. „Dem Fettburnig ein Halleluja“, rief er in das, Gott sei Dank doch noch teilweise leicht übergewichtige Publikum, das den Weg ins Theater auch ohne fünf Liter Flüssigkeit am Gürtel geschafft hatte. Der mutig dicke Siegmar Gabriel wurde allerdings von Neutag etwas widersprüchlich als „Gefangener im Körper eines Wildecker Herzbuben“ bezeichnet. Eines Seitenhiebes auf die haltlos Dicken konnte sich Jens Neutag dann doch nicht enthalten.

„Ausgeleierte Politiker wandern in die Wirtschaft, Lobbyisten bestimmen die Gesetzgebung, alle werden online durchleuchtet“, so zeichnete er das Bild der postdemokratischen Gesellschaft. Niemand gehe dagegen auf die Straße, protestiert werde höchstens vom Sofa aus – per Mausklick.

„Lass die mal machen, ich habe ja nichts zu verbergen“, dies sei die Meinung der Mehrheit, klagte Neutag, der das Klagen doch eigentlich aufs Korn nimmt. Da zeigte sich eben, dass wir alle Teil dieser Gesellschaft sind und alle, auch Kabarettisten, am Deutschlandsyndrom leiden. „Nix machen, aber meckern ist die Devise.“ So gehe es dann munter immer weiter. „Was würde wohl Che Guevara sagen, wenn er heute nach Deutschland käme?“, stellte Jens Neutag die wohl mehr unterhaltsam gemeinte Frage. Diese Frage können wahrscheinlich nur die über sechzigjährigen Altrevoluzzer beantworten. Doch auch die leiden wohl inzwischen am Deutschlandsyndrom. Diese Altersgruppe hat die Erinnerung an diesen fast mit erotischer Hingabe vergötzten Polit-Egomanen inzwischen veralzheimert oder wegkonsumiert.

Hoffnung bleibt

Trotz vieler Blicke in den Spiegel amüsierte sich das Publikum köstlich. Das Lachen war noch nicht vergangen. So bleibt noch Hoffnung. Das Publikum hat die Botschaften verstanden. Der Beifall hat es gezeigt.