Verbot durch Landrat, Menden feierte dennoch

Eine Rarität: 1904 kamen die ersten Ansichtskarten in Mode. Der Name „Mendener Kirmes“ wurde eingestempelt. Zugkräftige Werbung für die Pfingstkirmes.
Eine Rarität: 1904 kamen die ersten Ansichtskarten in Mode. Der Name „Mendener Kirmes“ wurde eingestempelt. Zugkräftige Werbung für die Pfingstkirmes.
Foto: Sammlung Klaus Kimna

Menden..  Vor 60 Jahren waren die Chronisten zeitlich ein ganzes Stück näher dran an den Ursprüngen von Kirmes und Prozession als wir heute anno 2015. Was dennoch nichts daran ändert, dass vieles im Dunkel geblieben ist. Gefragt, wie alles begann, haben sie sich damals wie heute. Gewühlt in den Unterlagen genauso. Das Ergebnis hat sich kaum geändert.

„Niemand vermag zu sagen, wann zum ersten Mal eine Pfingstprozession von der Vincenz-Kirche auf den Berg gezogen ist, niemand weiß, wann zum ersten Mal der Krammarkt in den Mauern der Stadt und an den Ufern der Hönne gehalten wurde…“ Man glaubt fast schon ein wenig Resignation bei WP-Redaktionsleiterin Gisela Orlowski zu verspüren, die sich in den 50er Jahren wie viele andere vor ihr über das Thema Pfingsten in Menden hergemacht hat. Aber Feuer und Kriege haben zu viele schriftliche Unterlagen vernichtet. Man kann wühlen wie man will, die Erkenntnisse bleiben dieselben. Es wird nicht heller.

Keine wilden Tiere am Prozessionsweg

Die älteste Aufzeichnung über die Pfingstprozession stammt von 1728. Man darf annehmen, dass die betenden und singenden Gläubigen jedes Jahr zum Berg gezogen sind, allerdings nur bei gutem Wetter. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Aufzeichnungen über die Kirmes sind wesentlich älter. Allerdings nicht immer über Trubel an Pfingsten, auch schon mal früher. 1697 wird von einem „Streit auf der Kirmes am Sonntag nach Ostern“ berichtet.

1826 muss sich der damalige Mendener Bürgermeister Weber wohl bemüßigt gefühlt haben, das friedliche Miteinander von Krammarkt und Pfingstfest besonders zu betonen. Die Bevölkerung verzichte nicht gern auf den Krammarkt am Prozessionstag Pfingstmontag, schreibt er. Läden und Buden seien bis zum Schluss des Gottesdienstens geschlossen, betonte er die Rücksichtnahme des Weltlichen auf das Kirchliche. „Der Krammarkt auf Pfingstmontag ist bis zu bedeutender Lebhaftigkeit herangewachsen“, schreibt Weber an den misstrauischen Landrat in Iserlohn. Wenn die beiden wüssten, wie sich dieser Krammarkt bis heute entwickelt hat.

Aber nicht immer waren die Vincenz-Pfarrer glücklich mit Auswüchsen der Kirmes-Beschicker. So verlangte Pfarrer Göbel 1828, man möge doch Buden und Läden am Prozessionsweg in der Stadt von „Aushängeschildern für Kunstspiele und wilde Tiere“ freilassen.

Aufmüpfiger Bürgermeister

Politische Unruhen in Iserlohn, 1849 sogar „Iserlohner Revolution“ genannt, führten so weit, dass der Kreis Iserlohn aus Sicherheitsgründen sogar die Pfingstkirmes in Menden verbot. An diesen Unruhen nahm auch Mendens Bürgermeister Holzapfel teil. Er wurde kurzzeitig verhaftet, aber wieder freigelassen. Holzapfel war jener Bürgermeister, der 1862 vor seinen Schulden nach Amerika türmte (s. „So war es früher“ im Oktober 2014 zum Thema Kettenschmiede).

Zur Abrundung der Iserlohner Revolution 1849: Kirmes in Menden verboten. Menden wollte dennoch und stellte einen Antrag. Genehmigung blieb aus. Menden feierte trotzdem.

Die übergeordneten Behörden, diesmal aus Arnsberg, versuchten daraufhin, Pfingstprozession und Krammarkt voneinander zu trennen. Doch jener Bürgermeister Holzapfel war aufmüpfig genug, die Tradition zu verteidigen. Seine Argumente, die bis heute stimmen: „Nach der Prozession herrscht in Menden ein solch herrliches und fröhliches Treiben, wie man es in kaum einer anderen Stadt kennt. Das aber kann nur so bleiben, wenn der Krammarkt auch am Pfingstmontag abgehalten wird.“

Arnsberg trennte Markt und Kirmes

Aber jene Behörden kümmerte nicht, was Holzapfel ihnen schrieb. Stur und allmächtig wie sie sich oft fühl(t)en, verlegten sie Mitte der 1850er Jahre den Krammarkt auf den ersten Donnerstag im Mai. Verbunden damit war eine Tierschau, an denen Tiere auch prämiert wurden. Fünf Jahre dauerte dieser „Fehltritt“.

Die Mendener waren weiterhin nicht einverstanden mit der Trennung. Aus traditionellen und geschäftlichen Gründen. Es habe seit erdenklichen Zeiten den althergebrachten Termin am Pfingstmontag für Krammarkt und Prozession gegeben. Niemals habe der Krammarkt dem kirchlichen Festtag Abbruch getan. Sogar der Dechant unterstützte die Mendener Klage. Dennoch lehnte die Arnsberger Regierung ab, bis 1862 der damalige Oberpräsident Einsicht zeigte. Mendens Bürgermeister Holzapfel war da gerade auf dem Weg in die „Neue Welt“.

Oberpräsident „schuf“ den Pfingstdienstag

Die Entscheidung des Oberpräsidenten: Pfingstmontag nach beendeter Prozession durfte die „für Stadt und Amt Menden bedeutungsvolle Kirmes“ wieder abgehalten werden. Mit Zuckerbäckern und Konditoren. Den Handel mit Waren nach Art des Krammarktes aber verbot er für den Pfingstmontag. Der wurde auf den Pfingstdienstag gelegt. Der Kirmesbetrieb war also plötzlich auf zwei Tage ausgedehnt. In der Hönnestadt gedieh der Pfingstdienstag zum zweiten Feiertag und „Mendener Tag“. Aus dem 2-Tage-Fest wurde ab 1986 eine 4-Tage Kirmes (ab samstags). Die Pfingstmontag-Prozession wurde vorverlegt auf Pfingstsonntag, zieht aber weiterhin durch die Kirmes zurück vom Kapellenberg zur Vincenz-Kirche.

Bleibt die Frage: Was ist ein Krammarkt? In der Literatur eine Bezeichnung für Volksfeste oder Handelsmärkte, die durch das Umherziehen von Krämern (Händlern) entstanden sind. Schwerpunkt im Handel waren Verbrauchsgüter, die das lokale Handwerk nicht herstellte.

Battenfelds Wiese kam erst 1912 dazu

Feststeht, dass die Pfingstkirmes immer im Stadtkern gefeiert wurde. Gleich vor den Toren der Vincenz-Kirche und entlang der Hauptstraße. Dort überall wurden die Stände aufgebaut.

Erst 1912 wurde Battenfelds Wiese mit einbezogen in das Kirmestreiben. Da ich an der Balver Straße unweit der Huckenohl-Auffahrt aufgewachsen bin, konnte ich mich als kleiner Junge am Kirmesbetrieb über Gärten und Hönne hinweg satt sehen. Das kostete nichts. Die Achterbahn hatte es mir angetan. Ich habe leider kein einziges Foto von diesem damals mächtig aufregenden Fahrgeschäft auftreiben können, obwohl es nicht nur auf Battenfelds Wiese, sondern später auch auf dem Alemannen-Sportplatz am Walram-Gymnasium und sogar an der Unnaer Straße aufgebaut war.

1953 zog die Kirmes von Battenfeld erstmals zum Walram-Sportplatz um. Der Grund war nachvollziehbar: Die dortige Hönnebrücke musste erneuert und verbreitert werden.

Vier Jahre Kirmes auf dem Walram-Platz

Der zweite Umzug zum Walram-Sportplatz folgte Pfingsten 1959 auf Beschluss der Stadtverordneten, erst probeweise, dann doch bis 1962. Weg von der Hauptstraße, weg von Battenfelds Wiese. Hin in den Bereich Neumarkt, Bahnhofstraße, Walramstraße, Blumendreieck, Walram-Gymnasium und Sportplatz. Während dieser Zeit hob die Stadt die Einbahnregelung für die Ortsdurchfahrt der B 7 (Unnaer Straße, Hauptstraße, Kolpingstraße) auf und lenkte den Moloch Verkehr wieder zweibahnig und quälend im Gegenverkehr durch die Innenstadt.

Das Chaos war vorprogrammiert, das Überqueren der Fahrbahn in der Innenstadt lebensgefährlich geworden. Bis 1962 dauerte dieser unhaltbare Zustand. Ab Pfingsten 1963 gab es wieder Kirmes auf halbwegs gewohntem Terrain, wenn auch ohne Battenfelds Wiese, die der zu stark gewordene Straßenverkehr endgültig von der Innenstadt abgetrennt hatte. Auserwähltes Terrain wurden Kolpingstraße, Hauptstraße, Unnaer Straße, Neumarkt und Bahnhofstraße. Später kam der Lenzen-Platz dazu, vor einigen Jahren auch die Kaiserstraße.

Boxbude war plötzlich Jugend gefährdend

Geblieben aus dem Jahr 1959 sind Scharmützel zwischen Lesern der Tageszeitungen.

Reizpunkt war die Boxbude: Fragte ein Leser, warum ausgerechnet eine Boxbude auf dem Schulhof des Walram-Gymnasiums stehen durfte. Antwort eines anderen Lesers: Es waren doch Ferien, störte keinen Schüler.

Ein Jahr zuvor hatte die attraktive Boxbude vor der Mendener Mühle gestanden und für Staus gesorgt. Zwei Jahre später wurde die Boxbude aus Jugendschutzgründen nicht mehr auf der Pfingstkirmes zugelassen.

In Teil 2 geht es um die großen Sammelpunkte auf der Kirmes, u.a. Weinstand und Klappbuxen-Turm, KJG-Bierstand und das Fass des Hüingser Kinderchores.