Unsicherheit, Zukunftsangst und Selbstzweifel

Menden..  Die Angst vor dem Versagen, ausgegrenzt zu werden. Keine Anerkennung zu finden. „Ich möchte die Ketten zerreißen. Mich von meinen eigenen Gedanken befreien“, spricht eine Schülerin bei der Jugendkreuztracht klar und ruhig ins Mikrofon. Eine beeindruckende Menge von Menschen, mehrere Tausend, hört still und gedankenvoll. Brennende Fackeln werfen ihren orangenen Lichtschein über das wuchtige, schwere Holzkreuz und seinen Träger, der bückend reglos verharrt und sein Gesicht verborgen hält.

Der stille Menschenzug wandert weiter über den Nordwall, bewegt sich die steile Bittfahrt hinauf. Aus den Lautsprechern, die den Weg der Kreuztrachtgänger säumen, erklingt Musik, sanfte Popballaden, ruhige Deutschrock-Songs. „Was wir allein nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen“, singt Xavier Naidoo. Die Menge stoppt wieder.

Beeindruckend intensive Stimmung

„Immer mehr verunsicherte Bürger schließen sich Pegida an“, spricht jetzt eine Jungenstimme. Salafisten. Der Anschlag auf Charlie Hebdo mit zwölf Toten. Kriegsterror in der Ukraine. Sehr viel näher – erschreckend nah: „Eine Anfrage der Rechten im Rat Dortmund: Wie viele Menschen jüdischen Glaubens leben wo in der Stadt?“ Der Weg zum Kapellenberg hinauf ist schwarz von Menschen, die mucksmäuschenstill zuhören. Es herrscht eine beeindruckend intensive Stimmung, wie stets bei dieser Jugendkreuztracht, zu der zum Auftakt der Osterfeiertage Tausende Mendener und auswärtige Besucher um 21 Uhr an der St.-Vincenz-Kirche zusammenströmen. Sodann ziehen sie gemeinsam auf den Kapellenberg, begleitet von sorgsam ausgewählten Texten und Musik.

Vorbereitung durch Placida-Schüler

Erstmals überhaupt gestaltete diesmal mit dem Placida-Viel-Berufskolleg eine Schule diese große kirchliche Veranstaltung. 20 Jugendliche bereiteten nach ihrem Unterricht die Texte und die musikalische Begleitung vor, mit hohem Aufwand und großem persönlichem Einsatz: Einige vertieften sich am Freitag vergangener Woche sogar noch nach ihren Nachschreib-Klausurterminen bis spätabends in die Tonaufnahmen. Unterstützt wurden die Schüler von Sebastian Adler, Hobby-Tontechniker, und André Quante-Blankenagel, Diakon der Vincenz-Gemeinde.

70 Prozent der Texte schrieben die Schülerinnen und Schüler selbst. Das Thema: „Gesucht: Menschen für echte Begegnungen“. Lyrische, philosophische, nachdenkliche, oft kritische Texte sind entstanden, viele sprechen klassische Jugendthemen an. Unsicherheit; Zukunftsangst; Selbstzweifel; das nagende Gefühl, nicht verstanden zu werden und sich selbst nicht zu verstehen.

Auch die Bibel dient als Textquelle, gemischt mit aktuellen Themen: So geht die Frage der Jünger aus dem Matthäus-Evangelium: „Herr, welches ist das wichtigste Gebot?“, die Jesus mit dem Gebot der Nächstenliebe beantwortet, übergangslos in die Schilderung einer Begegnung mit einer hilflosen alten Dame über: Verwirrt steht sie da am Straßenrand, aus ihrer kaputten Einkaufstüte kullern Äpfel. „Ich bot ihr an, ihr über die Straße zu helfen“, schildert eine Schülerin diese fiktive Begegnung. Für sie sei das selbstverständlich gewesen. So selbstverständlich wie leider viele – die meisten? – diese alte Frau ihrem Schicksal überlassen hätten.

Der stille Menschenzug wandert vom Vollmond beschienen zur St.-Vincenz-Kirche zurück. Vor einige Haustüren haben die Anwohner flackernde Kerzen gestellt.