Trauer und Ohnmacht

Naturkatastrophen, Terroranschläge, aber noch mehr die Nachrichten der letzten Tage, vom Unglück und Tod so vieler Menschen, hat uns fassungslos gemacht. Tiefe Trauer über das unfassbare Unglück lässt Worte versagen. Mancher wird fragen: Warum? Wo ist Gott? Ohnmacht und Hilflosigkeit lähmen unsere Gedanken. Auch die Fragen nach den Ursachen bringen uns nicht weiter.

Mit einem Gebet und Lied aus dem Gotteslob (Nr. 422) von Huub Oosterhuis stelle ich mich vor Gott: „Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist Du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.“

Menschen, die über rote Teppiche gehen und umjubelt werden, sind angesichts von Kreuz und Tod auf einmal nebensächlich geworden. Trauer und Leid haben sich ungefragt in unser Leben gedrängt. Auf einmal wird uns schlagartig bewusst, dass unser Leben schwach und endlich ist. Heute Erfolg und Jubel, morgen Leid und Kreuz.

Wenn wir Christen morgen den Palmsonntag begehen, können wir all das mit hineinnehmen. Mit Jesus stehen wir im Konflikt gegensätzlicher Pole. Unter Jubelrufen – Hosanna, du unser Retter und König – zieht Jesus in Jerusalem ein. Hohe Erwartungen hatte das Volk. Jesus sollte alles regeln. Gut kann ich die Menschen verstehen. Sie hatten Jesus erlebt, wie er Kranke heilt und sogar Tote erweckte. So erwarteten sie von ihm auch den Umsturz und die Rettung. Wären wir nicht auch froh, so jemanden als König zu haben?

Jesus stellt sich aber als der ganz andere vor und gibt uns ein Beispiel. Nicht auf dem hohen Ross zieht er in Jerusalem ein, sondern auf einem Esel. Nicht mit Macht bringt er den Umsturz,sondern er kommt als der, der an der Seite mit den Ohnmächtigen und Verzweifelten geht und aushält. Sein Königreich, das Reich Gottes, weist über weltliche Begrenztheit hinaus.

Schnell erkannten die Menschen in Jerusalem, dass er nicht alles nach ihren Erwartungen regeln würde und riefen: „Ans Kreuz mit ihm.“ Hilflosigkeit, Ohnmacht und Enttäuschungen können schnell in Wut und Verzweiflung umschlagen. Jesus hält aus. Er geht den Weg durch Kreuz und Tod. In Verzweiflung und Angst schreit er aber auch: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Weil Jesus diesen Weg gegangen ist, ist er mir so nah. Erklären und beweisen kann ich nichts, aber ich glaube, dass dieser Jesus Gottes Sohn ist und mich begleitet in meiner Ohnmacht und im Kreuz.

Palmsonntag und die Karwoche sind Einladungen zum Innehalten. In unserer Ohnmacht, mit unseren Zweifeln beten wir für alle, die heute leiden und Kreuz tragen. Beten wir aber auch um Kraft zum Aushalten! „Sprich Du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.“ (GL 422)


Hildegard Schneider, Gemeindereferentin