Transgender-Frau (55) aus Menden im falschen Körper gefangen

Helen (55) fühlt sich heute glücklicher denn je.
Helen (55) fühlt sich heute glücklicher denn je.
Foto: WP

Menden.. Helen hat Rouge aufgelegt. Die Absätze unter ihren Schuhen klacken bei jedem Schritt auf der Treppe. Als die 54-Jährige die Jacke auszieht und die Handtasche ablegt, zeigen sich unter dem pinkfarbenen Oberteil weibliche Rundungen. Helen zeigt stolz ihren Personalausweis. Seit einigen Wochen hat sie es schriftlich, dass sie eine Frau ist. Vorher hieß Helen mal Hendrik – und war ein Mann.

Die Schwittenerin gehört zu den 150 000 Menschen in Deutschland, die Wissenschaftler mit dem Begriff Transgender bezeichnen – innen Frau, außen Mann (oder andersherum). „Erst habe ich noch gedacht, dass sich das wieder gibt“, sagt Helen. Sie blättert durch die Fotos aus der Schulzeit. Da scheint eine junge Frau an einem Baum zu lehnen, trägt sehr weibliche, körperbetonte Kleidung. Das Foto zeigt aber kein Mädchen, sondern Hendrik. „Mit elf oder zwölf Jahren habe ich gemerkt, dass mit mir etwa anders ist. Für mich waren Mädchen interessanter als Jungs.“

Die sogenannte Transfrau versucht damals, ihre Identität zu unterdrücken, versteckt die Frauenkleider weit hinten im Schrank, irgendwo neben den Flaschen. „Ich habe Alkohol als Freund schätzen gelernt“, sagt die 54-Jährige. Nach außen ist Ende der 80-er Jahre Normalität angesagt. Hen­drik heiratet eine Frau. „Sie hat jahrelang meine Alkoholeskapaden mitgemacht.“ Auf der Suche nach den Verstecken entdeckt die Gattin dann auch die Frauenkleider. Man müsse sich diese Situation mal vorstellen! Helen hält beim Erzählen kurz inne.

Transgender-Menschen in Menden nicht gezählt

Ausgerechnet am 25. Hochzeitstag, dem 5. Juni 2012, zieht das Paar dann gemeinsam einen Schlussstrich. Die Ex-Frau fährt Hendrik in eine Klinik nach Dormagen. „Da hat für mich ein neues Leben angefangen“, sagt Helen und strahlt über das ganze Gesicht. Endlich habe sie offen über ihre Identität sprechen können. Man habe ihr es sofort abgenommen, dass sie wirklich im falschen Körper lebe. Seitdem: „Arztbesuche ohne Ende“. Nach zwei Gutachten und 1200 Euro Kosten für die Personenstandsänderung gab es jetzt den neuen „Perso“.

Täglich Hormone für die Weiblichkeit

Helen streicht sich durch die Perücke. An der schwindenden Haarpracht darunter haben auch die Hormone nichts geändert. Seit einem Jahr schluckt sie die Tabletten. Die Pillen sorgen dafür, dass die Stimme höher wird, die Brüste wachsen, und „da unten Ruhe ist“. Die Krankenkasse hat eine Epilation genehmigt. Die Behandlung soll dafür sorgen, dass weniger wächst. Im Moment rasiert sich Helen noch täglich und überschminkt fein säuberlich die Wangen.

„Im Moment ist der Körper nicht so toll“, sagt Helen. Sie wartet auf die Kostenübernahme für die „geschlechtsangleichende Operation“. Die 54-Jährige will ihren „Zipfel“, wie sie sagt, loswerden, das Frausein auch körperlich spüren. Vor dem schweren Eingriff habe sie keine Angst. Helen wirkt entschlossen.

Im Alltag hat die Therapie für die selbstständige Unternehmerin für Auto- und Körperpflege weiter einen festen Platz. Sie besucht die Suchtberatung am Westwall. „Wir haben hier in Menden ein sehr gutes System“, sagt die Ex-Alkoholkranke, die anderen Süchtigen Mut machen will: „Wer ein Problem hat, sollte das nutzen, Alkohol ist wirklich keine Lösung.“

Liebesleben im Umbruch

Ihr Zuhause hat Helen ausgerechnet im bürgerlichen Schwitten. Da ist sie geboren, da will sie auch bleiben. „Es ist ein wunderbares Gefühl, hier zu wohnen“, sagt Helen. Man scheine sie und ihre Geschichte zu akzeptieren. Eine Familie habe sich von ihr abgekehrt, stattdessen habe sie viele neue Freunde gefunden. „Diesen Menschen will ich Danke sagen.“ Helen bezeichnet sich als gläubig und regelmäßige Kirchgängerin. An ihrem Hals baumelt ein Kreuz.

Ab und zu ruft mal jemand etwas Blödes – „Transe“ und so. „Man wird mit einer Travestieshow in einen Topf geschmissen.“ Als sie noch offiziell Hendrik im Ausweis stehen hatte, geriet sie mal in eine Polizeikontrolle. Es hat kein Polizist gefragt, ob sie mal das Karnevalskostüm ausziehen könnte. „Man muss offensiv damit umgehen.“

Helens Liebesleben ist im Umbruch. „Vor der Hormontherapie stand ich auf Frauen, jetzt habe ich gemerkt, dass ich auch Männern hinterhersehe.“ Es werde sich zeigen, wie das nach der OP aussehe.

Helen spricht von einer „wunderbaren Beziehung zu meiner Ex-Frau“. Und auch die 86-jährige Mutter habe den Schock gut verdaut und akzeptiere, dass sie jetzt eine Tochter hat. Helen sagt auch diesen Menschen Danke. Sie wolle Leidensgenossinnen motivieren: „Traut euch, kommt raus! Wenn ihr so ein Problem hat, kann man euch helfen.“ Wer sie in der Stadt sehe, dürfe offen fragen, nicht tuscheln.