Traditionstermine sind für Ratspolitiker keine Pflicht mehr

Die Kreuztracht 2015
Die Kreuztracht 2015
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Gottesdienst nach der normalerweise versöhnenden Dezember-Ratssitzung fiel aus. „Zu geringes Interesses an einer Teilnahme“, so seinerzeit Bürgermeister Volker Fleige. Handverlessen war die Teilnehmerzahl auch bei der närrischen Ratssitzung.

Menden.. Der Gottesdienst nach der normalerweise versöhnenden Dezember-Ratssitzung fiel aus. „Zu geringes Interesses an einer Teilnahme“, so seinerzeit Bürgermeister Volker Fleige. Handverlessen war die Teilnehmerzahl auch bei der närrischen Ratssitzung. Nicht mal ein halbes Dutzend Stadtverordnete bei der großen Mendener Kreuztracht. Ist der Politik die Freude am Repräsentieren abhanden gekommen?

Katholiken fühlen sich verletzt

SPD-Fraktionschef Gisbert Gutberlet: „Wir üben keinen Druck aus und delegieren auch niemanden zu Veranstaltungen.“ Für die SPD sei es gute Tradition, die Teilnahme freiwillig zu gestalten. So sah es auch SPD-Ratsherr Mirko Kruschinski. Er hatte sein Fernbleiben bei der großen Kreuztracht in der WP gerechtfertigt. Man werde ihn „weder bei Schützenfesten, noch beim Karneval, noch bei katholischen Folkloreveranstaltungen finden“. Einige Katholiken sehen jetzt dadurch ihre Gefühle verletzt.

Bürgermeister Volker Fleige will sich zu Kruschinskis Wortwahl nicht äußern. Er betont aber, dass die Kreuztracht 1684 als weltliche Veranstaltung von seinem Vorgänger Wennemar Schmittmann ins Leben gerufen wurde. Er habe aus Dank dafür, dass Menden aus einer Notlage befreit wurde, das Kreuz auf den Berg getragen. „In dieser Tradition sehe ich mich als Bürgermeister“, sagt Fleige. Deshalb nehme er an der Kreuztracht teil.

Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Hubert Schulte betont die Sonderstellung der Kreuztracht: „Es wäre begrüßenswert, wenn Ratsmitglieder zur Kreuztracht erscheinen“, sagt er. Die CDU-Fraktion stellt ihren Mitgliedern die Teilnahme frei. Schulte selbst kann mittlerweile aus gesundhsteitlichen Gründen nicht mehr teilnehmen, hat aber durchaus beobachtet, dass die Beteiligung der Ratsmitglider früher größer war als heute. Allerdings sei aus den Reihen der SPD lange Zeit auch nur Peter Brunswicker mitgegangen. Den Vergleich der Kreuztracht mit Karneval oder Schützenfesten von Mirko Kruschinski hält er „gelinde gesagt für eine Unverschämtheit“.

Ratsleute kritisieren Stimmung

„Wir stellen eine Teilnahme normalerweise anheim“, so Grünen-Sprecher Peter Köhler. „Manche Fraktionsmitglieder gehen gern zu Schützenfesten, für andere wäre das eine Qual. Für uns hat beispielsweise die Teilnahme an den Pogrom-Gedenkfeiern am 9. November einen großen Stellenwert.“

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Stefan Weige findet es bedauerlich, dass die Ratsmitglieder immer weniger gemeinsam machen. Das könne seiner Ansicht nach an der Stimmung im Rat liegen, „vielleicht wird es ab September besser“, sagt er und spielt auf die Bürgermeisterwahl an. Weige selbst war über Ostern mit der Familie verreist und konnte deshalb nicht an der Kreuztracht teilnehmen. Fraktionsintern werde über solche Termine gesprochen. Wer daran teilnehme, bleibe aber jedem freigestellt.

Thomas Thiesmann, Fraktionschef der Linkspartei: „Für uns ist Religion grundsätzlich Privatsache.“ Er selbst bevorzuge die eher stillen Kreuztrachten. „Ich gehe gern nachts mit.“ Auch für USF-Ratsherr Eugen Heinrich ist die Teilnahme an der Kreuztracht grundsätzlich eine Privatsache – eben weil es mit dem persönlichen religiösen Empfinden zu tun habe. Doch auch gesellige Veranstaltungen müsse man seiner Meinung nach nicht zwangsläufig besuchen, weil man Ratsmitglied sei. Die sinkende Teilnahmequote von Ratsmitgliedern an gemeinsamen Veranstaltungen macht er wie Stefan Weige an der schlechten Stimmung im Stadtrat fest.